Seite 2 von 2

Hamburg, Ruder-Club Allemannia von 1866 | ZEIT Nr. 41/2022

BeitragVerfasst: 06.10.2022, 18:52
von Hübi
Für die "Disko Deutschland" besuchen Reporterinnen und Reporter Orte in allen Ecken der Republik – und kehren regelmäßig dorthin zurück.

Die knorrige Platane vorm Bootshaus auf der Gurlitt-Insel knirscht im Donnerstagmorgenwind, die Sonne scheint durch gelbe Wolken, zwei Blässrallen schimpfen. Wir können es noch nicht wissen, aber etwas ist anders heute im Ruder-Club Allemannia von 1866. Am Steg steht der Baron und erwartet die Ankunft seiner Kameraden vom Boston-Achter, die mit ihrem Altersschnitt von über 80 der vielleicht älteste Achter Deutschlands sind. Der Baron, 83, ist heute an Land geblieben, immer noch: die Schulter. "Ich war nur im Kraftraum, Bauchmuskeltraining", sagt er, die Augen mit der Hand abschirmend. Dafür kann er jetzt die Ankunft des wie immer grazil einschwebenden Achters rezensieren. "Schlechte Blattführung", murmelt er und ruft hinüber: "Aufrecht, Plags, aufrecht!" Plags und die anderen Männer legen an, hieven sich und ihr Zedernholzboot an Land, den Morgenruderer, schrubben ihn und tragen ihn mit ernsten Mienen hinein zu The Girl from Ipanema, Quartiersmann II, Alexander von Humboldt und den anderen Booten des Clubs. Dann verschwinden sie im Duschraum.

Eine halbe Stunde später, am Frühstückstisch. Wo sonst schon vorm ersten Kaffee Sprüche gefeuert werden, herrscht gedämpfte Stimmung. Nacheinander erscheinen Dick, Harald, Fritz-Herrmann. Einer fehlt.

"Die haben da was an der Prostata gefunden, schon wieder."

"Ich war gestern bei ihm. Scheiße, echt. Will er sofort raushaben da."

"Man muss auch mal auf die Beratung hören, was der Arzt sagt. Beim letzten Mal wollte er auch keine Reha."

"Ich hab ihn auch schon angerufen. Werden sie schon hinbekommen, oder?"

Der Boston-Achter bittet darum, den Namen des Kameraden nicht in die Zeitung zu schreiben. Eigentlich wird sonst am Frühstückstisch wenig darüber gesprochen, dass die Männer hier jeden Dienstag und Donnerstag über ihre Lebenserwartung hinausrudern. Aber wo wir dabei sind: Auch der große Uwe Seeler ist ja letztens gestorben. Das ging dem Achter schon nahe. Man kannte sich vom Golfen und von dem Schlüsselanhänger, den Fritz-Herrmann von Seeler zur Konfirmation geschenkt bekam.

"Ach, und unsere andern Jungs könnten bald im Himmel einen Achter aufmachen."

Während sich der Boston-Achter Kaffee einschenkt, wird nachgezählt, wer alles fehlt aus dem Boot, das 2000 erstmals bei der namensgebenden Regatta auf dem Charles River in Boston antrat.

"Barz lebt nicht mehr. Dann Horst ..."

"... der ist auch tot. Aber damals war nicht Horst dabei, das war sein Bruder, Jürgen. Aber der ist auch tot."

"Bernie lebt auch nicht mehr. Ecki, und Hubert."

"Haben wir eigentlich mal erzählt, wie eng unser weißer, schmaler Achter in Boston vorne war? Ich hab mir hier richtig die Beine kaputt gehauen."

Und damit schifft der Achter das Gespräch erst mal wieder in seichtere Gewässer. Aufatmen, Eierbestellung. Ob man, Herr Kellner, wohl noch einmal so ein wachsweiches Ei bekommen könne wie am Dienstag? Aber klar, die Herren. Und schon spricht man, wie auch immer das passiert ist, über die Raddampfer, die nach dem Krieg noch auf der Elbe fuhren. Die Hugo Basedow! Fritz-Herrmann erzählt, wie er dort auf dem Dampfer für Cola-Schokolade mit seiner Volkstanzgruppe für die britischen Besatzer tanzte, gah von mi, gah von mi, ick mag di nich sehn, fiderallala.

Dann kommt Christian an den Tisch, ein bulliger Typ mit Anglerhut um die 50. Er ist Trainer im Verein und so was wie die gute Fee der Allemannia, sagt man am Tisch. Außerdem ist er der Ruderkollege von Olaf Scholz, aber dazu ein andermal. "Eure Entschuldigung war echt stark, Jungs", sagt Christian. "Ist richtig gut angekommen. Macht euch bitte keinen Kopp, und macht euch bitte einen schönen Tag." Als die Fee den Tisch verlässt, erklärt sich der Achter etwas bedrückt: Am Dienstag haben sie einen Einer versenkt.

"Dem Ruderer ist nichts passiert, ein Glück, der konnte schwimmen, aber das Geschrei war groß. Sein Ehemann fuhr nebenher, der schrie auch nach dem Knall."

"Bei uns im Boot wurde aber auch geschrien, oder was, Baron?"

"Gott sei Dank war das einer aus unserm Club, das wäre sonst alles noch peinlicher. Ein Riss vom Waschbord bis runter zum Kiel."

"Uns hat einer gesteuert, dessen Frau grad gestorben ist, am nächsten Tag war die Beerdigung. Wir wollten den mal rausholen. Hätte man sich denken können, dass der nicht ganz bei der Sache sein kann. Und dann die Sonne, ja nun."

Ja nun, der Versenkte bekam eine Flasche Champagner, der Bootsbauer, der den ramponierten Einer behandelt, ein Porträt von sich mit Zauberstab, gezeichnet von Fritz-Herrmann. Dafür kann man sich schon mal versenken lassen, oder? Der Achter ist entrüstet: "Sei mal nicht so vorlaut! Erstens nur im Sommer, und zweitens ist das saugefährlich, wenn dir da einer reinbrettert."

Plags sitzt am Rand des Tisches und verfolgt die Diskussion schweigend, wie immer. Nur wenn es um Regatten und Bootsbau geht, mischt er sich ein. Plags ist 85 und rollt das R auf diese angenehme norddeutsche Weise. Er trägt einen feinen Schnurrbart und meist dicke, karierte Baumwollhemden, heute aber ein weißes Shirt von einem Ruderwettkampf 1991 in Miami, vorne ein Krokodil, hinten der Satz "See you later, Alligator". Die anderen nennen ihn "unseren internationalen Star". Er wurde Welt- und Europameister im Deutschland-Achter, nur bei Olympia in Tokio 64 mussten sie sich den Amerikanern geschlagen geben. "Unser härtester Gegner war eigentlich der sowjetische Achter aus Vilnius, aber die Amerikaner hatten auf der Bahn 1 Windschutz vom Ufer her. Ich meine, in allen Bootsklassen hat die Bahn 1 gewonnen." Später wurde Plags Trainer in Ratzeburg, all die Medaillen hängen immer noch zu Hause im Schrank.

Plags schaut auf seine zwei Uhren, es ist Zeit für heute. Er trägt immer zwei, weil er bei Online-Bestellungen so viele gratis dazugeschenkt bekommt, erzählt der Baron später, er, der Baron, habe auch schon eine abbekommen. Die Ersten verabschieden sich also, es ist wieder mal sehr viel Käse über.

Zum Abschied noch eine kleine Geschichte. Vor ein paar Jahren ruderte der Boston-Achter auf seiner Morgenrunde noch bis hoch nach Ohlsdorf. Wenn der große Friedhof auftauchte, warteten beim Wenden immer alle, bis jemand sagte: "Na, Jungs, will einer aussteigen?" Dann fuhren sie schmunzelnd zurück ins Bootshaus.

ZEIT Nr. 28/2024: Tiberwahn

BeitragVerfasst: 28.06.2024, 21:13
von Hübi
Rudern in Rom:
Tiberwahn
Wer in Rom rudern will, braucht ein Boot, Erfahrung und einen Platz zum An- und Ablegen. Unser Autor hat nichts davon. Schafft er es trotzdem aufs Wasser?
Von Konstantin Arnold
Aus der ZEIT Nr. 28/2024
26. Juni 2024

Rom war für mich lange nur ein Bahnhof, ein Flughafen, zum Umsteigen. Dabei ahnte ich natürlich, dass Rom die großartigste Stadt der Welt ist. Ich hatte ein ganz bestimmtes Bild von ihr, groß und stolz und ewig – wie auf einem Foto, das man in den unendlichen Weiten des Internets finden kann. Ich vermutete, dass dieses Bild irgendwo unterhalb der Ponte Umberto I aufgenommen worden war. Man blickt darauf jedenfalls über die Engelsbrücke bis zum Gianicolo, einem der vielen Hügel, auf dem Kirchtürme und immergrüne Pinien wuchern; rechts davon der Vatikan. Dieses Bild, diese Fantasie, wollte ich nicht mit einer Wirklichkeit vergleichen, in der sich Touristen in kurzen Hosen durch die Gassen quetschen und vor Ruinen Schlange stehen.

Irgendwann sah ich mir die Stadt doch zum ersten Mal an, im Herbst, als die Zugvögel auf ihrem Weg nach Afrika vorbeizogen und am Tiber ihre Pirouetten am Abendhimmel drehten. Es schien mir die besinnlichste Jahreszeit zu sein, geschaffen für jene, die mehr Bedeutung und Tiefe wünschen. Im Herbst war Rom herzzerreißend melancholisch. Ich suchte nach dem Blick des Fotos, suchte nahe den Brücken, am linken und am rechten Ufer – bis ich verstand: Dieser Blick, das war zwar Rom nahe der Ponte Umberto I. Aber nicht vom Land und auch nicht von einer Brücke aus, sondern vom Wasser.

Ich kam gleich im Frühling wieder, diesmal für Wochen. Die Bäume am Fluss waren noch kahl, die Morgenstunden still. Das war kurz nach einer Trennung. Ich überlegte erst, mich in den Tiber zu stürzen. Ich überlegte so lange, bis ich wieder anfing, den Tiber als Fluss mit schönen, altehrwürdigen Brücken zu betrachten und nicht als etwas zum Reinspringen. Ich sah zufriedene Menschen, die am Feierabendverkehr vorbeiruderten. Die Ruhe des Flusses zog mich an. Ich wollte ihm nahekommen wie einem Berg beim Klettern, und immer noch war da dieses Foto in meinem Kopf.

So entstand mein Wunsch, auf dem Tiber zu rudern. Und er wurde immer dringlicher: Rudern in Rom! Das muss sein wie Arbeiten an der Riviera, dachte ich. Man erlebt die Stadt beiläufig auf Alltagswegen. Und schaut sich morgens auf dem Weg zum Rudern in der Kirche San Luigi dei Francesi noch kurz Caravaggio an oder passiert auf dem Rückweg die Spanische Treppe bei Nacht.

Mir fiel dann allerdings ein, dass man nicht einfach so rudern kann. Man braucht ein Boot, einen Platz zum An- und Ablegen und Erfahrung. Was die Erfahrung angeht, hatte ich während meines Studiums einen Ruderschwerpunkt an der Sporthochschule in Köln belegt. Ich konnte mich aber an nichts erinnern. Was Rudermöglichkeiten betrifft, stieß ich im Internet auf fünf historische Clubs. Sie liegen zu beiden Seiten des Tiber, von der Piazza del Popolo bis in den grünen Norden der Stadt, wo der Fluss größer und breiter ist.

Der älteste Club, der Reale Circolo Canottieri Tevere Remo, existiert schon seit 1872. Die Geschichte der Ruderclubs ist das Zeugnis der unauflöslichen Verbindung zwischen Rom und Tiber, und nach dem Ersten Weltkrieg trugen sie dazu bei, die Lebenslust in die Stadt zurückzutragen. Dank der Rivalität zwischen den Clubs entwickelte sich mit der Zeit ein eigener Wettbewerb, der bis heute zu Rom gehört: Seit 1978 treten die hiesigen Ruderclubs immer am Tag des Derbys der Fußballvereine Lazio und AS Roma in zwei Achtern auf dem Tiber gegeneinander an.

Rudern sei in Rom ein Elitesport

Ich rief in den Clubs an und fragte, ob ich ein paar Tage mitrudern könne. Alle sagten Nein. Ich fragte in Bars herum, ob nicht jemand jemanden in einem Ruderclub kenne, dem ich beitreten könnte. Aber alle meinten, dass das nicht so einfach sei. Rudern sei in Rom ein Elitesport. In diesen Clubs müsse man fünfzehn- bis dreißigtausend Euro Eintrittsgebühr als Kaution hinterlegen. Außerdem müsse man von einem Mitglied vorgeschlagen werden. Später entdeckte ich dann zwar ein paar Privatpersonen, die Rudertouren anboten. Doch ich wollte die Stadt ja auf Alltagswegen errudern. Außerdem hatte ich inzwischen so viel von den Clubs gehört, dass ich unbedingt in einem ihrer Boote mitfahren wollte.

Nach ein paar Tagen des Scheiterns erzählte ein alter Kerl an einer Theke, er kenne jemanden, der jemanden kenne, der in einem Club Mitglied sei. Und im Circolo Canottieri Roma schien tatsächlich jeder willkommen zu sein, der diesen Mann kennt, beim Eintritt keine kurzen Hosen trägt und verspricht, ein bisschen was übers Rudern zu schreiben. Das ehemalige Staatsoberhaupt Carlo Azeglio Ciampi ist Ehrenmitglied in diesem Club, und Bruno Mascarenhas, der in allen möglichen Ruderklassen international Preise gewonnen hat, sportlicher Direktor.

Klar, dass einen so ein Vollblutruderer zur Einstimmung einfach in ein Boot setzt und sagt, na los, dann rudern wir mal. Nach einem schnellen caffè im Clubhaus Flaminio zog ich mich um, und Bruno und ich gingen direkt zum Bootshaus. Ich bat ihn um ein klassisches Holzboot, einen etwas weiteren Einer, mit dem man immer noch kentern kann, aber nicht so leicht. Dann trugen wir unsere Boote hinaus, zogen die Schuhe aus, und schon legte Bruno elegant ab. Ich bewunderte sofort die poetische Gleichförmigkeit seiner millionenfach geübten Bewegungen: Rudern ist unglaublich ästhetisch, wenn man es kann. Ein Sport, bei dem Fluss, Boot und Mensch miteinander verschmelzen.

Bis man so weit ist, dauert es aber, und das Boot reagiert behäbig. Ich legte ab, und die ersten Schläge lief es ganz gut, bis ich auf einer Seite mit dem Paddel das Wasser verpasste und fast hineinfiel. Ich beschloss, mich lieber nah am Ufer zu halten und nah bei Bruno. So ruderten wir testhalber bis zur nächsten Brücke, der Ponte del Risorgimento, und wieder zurück. Flussabwärts ging das recht flink, wieder rauf eher schwerfällig.

Anschließend ruderten wir wieder flussabwärts auf die erste Brücke zu, aber diesmal, um weiterzufahren. Dabei lernte ich, was Fließgeschwindigkeit bedeutet: Wenn auf dem Tiber die Brückenpfeiler zu beiden Seiten an einem vorbeirauschen, fühlt sich das gefährlich schnell an.

Vom Club bis zur Tiberinsel gebe es zwölf Brücken, dann sei Schluss, erzählte Bruno. Sonst stürze man samt Boot die Staustufe kurz vor der Insel runter. Wir waren noch sechs Brücken entfernt und ruderten unter der Ponte Umberto I durch, da spürte ich die Stufe schon im Rücken. Die Engelsbrücke und die Engelsburg sah ich nicht, weil wir rückwärts auf sie zuruderten. Ich sah zwar den Justizpalast zu meiner Linken und wusste, dass der Blick auf Rom, für den ich unbedingt auf den Fluss gewollt hatte, gleich kommen musste. Doch als er kam, hatte ich nur die Staustufe im Kopf.

Bloß nicht kentern

Nebenbei begann ich, den Fluss und seine Brücken zu begreifen. Etwa, dass er sich zwischen den Brückenpfeilern immer verengt und schneller wird. Und unter welchem Bogen einer Brücke man durchfahren darf, was wiederum davon abhängt, ob die Brücke drei, vier oder fünf Bögen hat. Dazu gibt es klare Vorfahrtsregeln; motorbetriebene Sportboote müssen zum Beispiel muskelbetriebenen Sportbooten Vorfahrt gewähren.

Ich durfte jetzt bloß nicht kentern und konzentrierte mich darauf, mich immer schön am linken Ufer zu halten, damit ich rückwärts rechts fuhr. Vor der Staustufe wendeten wir, und nach der erfolgreichen Wende fühlte ich mich wie ein junger Römer. Das Rudern gegen die Fließrichtung machte jetzt alles ungefährlicher und verlangsamte die Zeit. Wirklich hochschauen konnte ich bei der Ponte Umberto I aber schon wieder nicht, weil man flussaufwärts kaum innehalten darf; ich starrte wie gebannt auf meine Ruder und achtete angestrengt darauf, sie gleichmäßig kraftvoll einzutauchen, um nicht umzukippen. So verstand ich immer noch nicht, dass ich wirklich in Rom war und ruderte. Ich begriff es erst, als wir es an Land geschafft hatten, uns abklatschten und ich mir vornahm, in dieser Stadt so lange weiterzurudern, bis ich mich auf die Engelsbrücke und Rom konzentrieren können würde.

Ich blieb daher noch eine ganze Weile und lernte auch andere Mitglieder des Circolo Canottieri Roma kennen – sogar den, der den einen kannte, den der eine in der Bar gekannt hatte. Historische Sportclubs funktionieren eigentlich durch das Prinzip der Exklusivität und Ausgrenzung. Und die Römer lieben diesen Scheiß, geschichtsbedingt; sie legen auch viel Wert auf aristokratische Herkunft und die Paläste ihrer nobelsten Freunde, die ihnen den Zugang zu so einem Club verschafft haben. Der von 1872 ist so ein typischer Herrenclub, mein Club aber steht Frauen und Männern offen. Ein Typ aus Osnabrück war auch dabei, als vollwertiges Mitglied, und ein Engländer, der schon ewig hier lebt. Ansonsten waren es ganz normale Leute, die mal gearbeitet hatten und heute die Freiheit haben, nicht arbeiten zu müssen. Weißhaarig und nett, nach dem Sport in die Financial Times vertieft. Im Circolo Canottieri Roma genießen sie zwar das Prestige, nehmen sich aber doch nicht zu ernst.

Das Rudern im Club wurde eine wunderbare Routine, mittwochs und freitags. Mittwochs war es am schönsten, weil nach dem Rudern der Bootsmacher, der auch Koch war, Carbonara oder Pasta all’Amatriciana kochte. Wir saßen auf Bierbänken auf dem Steg in der Sonne, und zum Essen gab’s Rotwein und Gerede, man zelebrierte das sogenannte cazzeggiare, das zur römischen Etikette gehört: oberflächlichen Unsinn über ernste Themen reden. Es ging um die Schönheit, Restaurants, berühmte Frauen und Männer, vergangene Zeiten und, weil ich da war, um die Liebe und deutsches Bier. Einmal erzählte ein Italiener, wie der Engländer mal seinen Einer vor der Ponte Cavour gekippt hatte, um nicht an den Brückenpfeilern zu zerschellen. Der Engländer meinte, er habe das Boot so gerettet, und die Römer lachten und sagten, nee, nee, er habe damals eben entschieden, im Tiber zu baden, anstatt auf ihm zu rudern.

Freitags war es schön, weil das immer das letzte Training der Woche war. Ein richtiger Weltmoment, in den Abendstunden: das Ende eines warmen Tages in Rom auf dem Fluss und die Nacht, die langsam über die Hügel kroch. Der Tiber schimmerte im späten Sonnenlicht. Der Petersdom glühte noch vom Tag und leuchtete dank seiner großen Fenster, als würden Himmel und Erde für einen Augenblick aufeinandertreffen.

Die Staustufe spürte und fürchtete ich längst nicht mehr, denn ich fuhr nun meist im Achter, mit sieben Ruderkollegen und Bruno als Steuermann. Es ist ein einzigartiges Gefühl, wenn sich acht Menschen in einem Rhythmus bewegen, als Einheit. Fast, als teilten wir einen Herzschlag, den Bruno vom Heck aus dirigierte. Und ich ruderte endlich gut genug, um die Engelsbrücke von Weitem zu sehen und dahinter den Hügel Gianicolo, auf dem Kirchtürme und immergrüne Pinien wuchern. Es sah alles mindestens so großartig aus wie auf dem Foto.