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Sieben italienische Wissenschaftler verurteilt

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Sieben italienische Wissenschaftler verurteilt

Beitragvon Kartenzwerg » 22.10.2012, 18:38

Die Nachricht hat nichts mit dem Laufen zu tun, ist aber so bitter, dass ich sie teilen möchte. In Italien wurden heute sieben Wissenschaftler zu sechs Jahren Haft verurteilt, weil sie nicht ausreichend auf das Erdbebenrisiko in L'Aquila hingewiesen hatten. Beim Erdbeben 2009 sind in der Region unter anderem 309 Menschen umgekommen.

http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/prozess-zu-l-aquila-erdbeben-verurteilt-wissenschaftler-zu-haftstrafen-a-862762.html

Einige Gedanken hierzu:

In dem Verfahren ginges nicht darum, ob schwere Erdbeben vorhersagbar sind oder nicht, sondern um Informationen, die seitens Fachleuten an die Öffentlichkeit gegeben worden sind und die Seitens der Öffentlichkeit "falsch" verstanden wurden. Auch sind einige falsche Aussagen gemacht worden. So ist behauptet worden, dass infolge von Schwarmbeben, also eine Serie kleiner aber häufiger Erschütterungen, keine starken Beben auftreten. Es konnten aber bisher in ca. 5% aller Schadensbeben solcherart Vorläufer nachgewiesen werden. Aber was bedeutet dies? Wenn wir für das Wochenende eine 5% Wahrscheinlichkeit für Regen haben, sagen wir dann das Gartenfest ab?

Auch wurde behauptet, dass kleine Beben zum Spannungsabbau führen und somit die Sachlage entschärfen. Natürlich ist jedes Beben mit einem Spannungsabbau auf der gebrochenen Fläche verbunden, nur hat dieser Spannungsabbau natürlich Einfluss auf das gesamte System inclusive benachbarter Verwerfungen, sodass es auch zu Spannungserhöhungen im Umfeld des Bruches kommen kann und somit hier die Vorstellung eines Kartenhauses eher zutreffend ist.

Für mich sind auch aufgrund meiner Erfahrung mit den Medien mehrere Probleme erkennbar. Als Wissenschaftler bemühen wir uns insbesondere in den Naturwissenschaften um eine "exakte" Sprache, die in der Öffentlichkeit als "unverständliches Fachchinesisch" dargestellt wird. Die Medien bitten uns deshalb in einer Sprache zu sprechen, die "die Öffentlichkeit" versteht, die dann zumeist nicht unbedingt exakt und zum Teil sogar unsinnig ist, wie z.B. der beliebte und allgemein im Zusammenhang mit Geschwindigkeit gebräuchliche Begriff "Stundenkilometer".

Ein weiteres Problem ist die zur Verfügung gestellte knappe Zeit und der geringe Platz, der uns oft zwingt in kurzen, wenigen Sätzen Sachverhalte zu erklären, und dies wiederum in einer "populären" Sprache, die nicht unbedingt die unsere ist.

Als weiteren wichtigen Punkt möchte ich noch auf Paul Watzlawick und seine Erkenntnis von der "konstruierten Wirklichkeit" verweisen. Jeder Mensch konstruiert seine Wirklichkeit auf Basis seines bischen Wissens. Daraus folgt, das jeder eine andere Vorstellung von Wirklichkeit hat, denn Sachverhalte und Dinge die er nicht weiss, gehören auch nicht zu seiner Wirklichkeit. Dies ist insbesondere im Zusammenhang mit Erklärungen zu (Natur-)Gefahren, die auch noch kurz und knapp, ohne "wenn & aber" sein sollen, von Bedeutung. Wenn wir Aussagen zu möglichen Erdbeben-, Tsunami- oder Vulkan-Ereignissen den Medien machen oder entnehmen, spielt sich in unseren Köpfen etwas anderes ab, als in den Köpfen der unbedarften Jounalisten und der Öffentlichkeit.

Im Wissenschaftsmagazin "Science" wurde vergangene Woche eine Arbeit zitiert, in der bis 2015 mit 100% (?) Wahrscheinlichkeit im Bereich L'Aquila ein Beben der Magnitude 5.9 auftreten wird. Ohne zynisch zu werden; es geht um 30 Tote, das sind 10% der gesamten Opferzahl. Selbstverständlich geht es um die Rettung jedes einzelnen Lebens, aber sollte in diesem Fall empfohlen werden, bis vielleicht 2015 die Nächte im Auto zu verbringen? Nach meinem Verständnis handelt es sich hier auch um eine Verkettung tragischer Umstände. Allein auf unseren Strassen lassen statistisch gesehen täglich mehr als 10 Menschen ihr Leben, wie die Zahl in Italien aussieht weiss ich nicht. Trotzdem wagen wir uns tagtäglich wieder in den Verkehr. Betrachte ich die knapp 6.000 Tote beim Bantul Erdbeben im Mai 2006 und vergleiche ich diese mit dem L'Aquila-Ereignis im Verhältnis zur Bevölkerungsdichte, so kann man feststelle, dass bei gleicher Magnitude und Tiefenlage der Beben, der Unterschied in der Opferzahl nur etwa den Faktor 2 beträgt. Das heißt, das Gebiet um L'Aquila war nicht wesentlich besser auf ein schadensträchtiges Erdbebenereignis vorbereitet als Zentraljava. Hieraus wird ein noch langer Weg vorgezeichnet und es lassen sich auch Verantwortlichkeiten ableiten, bis hin zur Verantwortlichkeit von Individuen für ihre eigene Sicherheit.

Wissenschaftler sollten diesen Fall zum Anlass nehmen um zu klären, ob es bezüglich unseres Beitrages für die (Medien-)Gesellschaft nur um blosse Unterhaltung geht oder um mehr. Geht es um mehr, dann sollte nach meinem Verständnis an der Sprache und der Art der Inhaltsvermittlung gearbeitet werden.
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Re: Sieben italienische Wissenschaftler verurteilt

Beitragvon Hübi » 22.10.2012, 19:14

@Silke: Danke für die Informationen! :ja:
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Re: Sieben italienische Wissenschaftler verurteilt

Beitragvon Tetze » 23.10.2012, 08:49

Ich habe diese Meldung erst heute früh im Radio gehört - und war gleich etwas verwirrt:

Selbst einem Laien sollte klar sein, dass gewisse Ereignisse in der Natur, auch wenn sie natürlich auf den Grundlagen der Naturgesetze beruhen, schwer bis gar nicht vorherzusagen sind.
Jeder, der schon einmal vom Wetterbericht enttäuscht war, hat dies doch schon erfahren!
(auch wenn hier die Folgen i. d. R. weit weniger schlimm sind)

Ein Fehlverhalten der Seismologen könnte daher ja wohl nur vorliegen, wenn Tatsachen, die auf ein bevorstehendes Unglück hindeuten, schuldhaft verschwiegen wurden.
Hier wird es wohl für uns Außenstehende schwierig, sich eine auf seriöse Fakten beruhende Meinung zu bilden.
Zum Einen kommen ja hier die von Silke so schön verdeutlichten Probleme ("Fachchinesisch", Darstellung in der Presse in Kurzform) zum tragen, dann darf man auch nie vergessen, dass oftmals ja solche Informationen auch passend gefiltert werden. Die Bevölkerung will ja beruhigt sein und die Kosten für vorbeugende Maßnahmen können ja auch gut anderweitig verwendet werden...

Mich wundert in diesem Zusammenhang nur, dass dieses italienische Gericht scheinbar sonst nicht so wissenschaftsgläubig ist:
Vor wenigen Tagen hat dieses Gericht im Rahmen eines Urteils eine Kausalität zwischen der dauerhaften Verwendung von Mobiltelefonen und der Entstehung von Hirntumoren anerkannt, obwohl dies durch wissenschaftliche Studien bislang nicht belegt wurde:
:guckstduhier: handys-und-gehirntumor-oberstes-gericht-italiens-handy-war-krebsursache

Wird das in Italien jetzt ein Machtkampf Rechtswissenschaften gegen Naturwissenschaften?
Spiel nicht mit den Schmuddelkindern... - die Cross-Saison ist da!
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Re: Sieben italienische Wissenschaftler verurteilt

Beitragvon Kartenzwerg » 23.10.2012, 12:54

Ich gebe Dir vollkommen recht, dass einem vernünftig denkenden Mensch klar sein sollte, dass sich Erdbeben genauso wenig vorhersagen lassen wie die Lottozahlen. Was wir Wissenschaftler angeben ist das Erdbebenrisiko (mit welcher Wahrscheinlichkeit tritt in einem gewissen Zeitraum ein Erdbeben bestimmter Stärke auf)sowie die Vulnerabilität einer Gegend (mit welchen Schäden sind bei einem Erdbeben einer bestimmten Stärke zu rechnen). Aber das ist, wie bereits erwähnt, wie mit dem Wetter. Schlafe ich ab jetzt nur noch draußen, weil in meiner Gegend ein Erdbebenrisiko von 30% besteht?

Beide Angaben lassen immer noch viel Spielraum und zu einer konkreten Vorhersage würde sich kein seriöser Wissenschaftler hinreißen lassen. Dies widerspricht dem Interesse der Medien, die in kurzer Zeit "knallharte Fakten" präsentieren möchten. Und dabei habe ich die Tatsache, dass gewisse Informationen auch gerne mal gefiltert weitergegeben werden noch ganz außer Acht gelassen...

Sicherlich gibt es einige Ereignisse, die auf ein kommendes, großes Erdbeben hindeuten könnten. Im Fall von L'Aquila waren es mehrere kleinere Erschütterungen einige Monate vor dem Hauptbeben. Die verurteilten Wissenschaftler hätten diese als Vorbeben einordnenen und vehementer vor einem noch größeren Beben warnen müssen, wird ihnen vorgeworfen. Aber in einem Land, das jeden Monat von zig Erdbeben heimgesucht wird, müssten jede Woche viele Menschen vorsorglich ihre Häuser verlassen. In der Regel sind diese Erschütterungen dem Katastrophenministerium nicht mehr als eine kurze Randnotiz wert. Leider sind wir Wissenschaftler aktuell nicht in der Lage, diese Vorbeben auch als solche zu klassifizieren. Im Moment sind wir leider immer erst rückblickend schlauer.

Aber eines hat der Falls gezeigt: dass wir noch vorsichtiger und präziser mit unserer Wortwahl sein müssen. Die Telefone glühen heute jedenfalls hier.
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Re: Sieben italienische Wissenschaftler verurteilt

Beitragvon harriersand » 23.10.2012, 13:30

Danke für deine Erläuterungen, Silke!
Ich hatte mir auch gedacht, gegen welche "Ausführungsvorschriften" die Wissenschaftler denn wohl verstoßen haben, dass sie verurteilt wurden. Denn so genau kann man doch gar nicht wissen, was passieren wird. Sollen "auf Verdacht" 60.000 Einwohner evakuiert werden, und dann passiert gar nichts oder nur wenig? Bei der nächsten Warnung wird dann nichts mehr ernst genommen.

Wie man's macht, ist's dann verkehrt, und hinterher ist man immer schlauer. Aber das ist einfach. Jedenfalls finde ich dieses Urteil ziemlich daneben.
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Re: Sieben italienische Wissenschaftler verurteilt

Beitragvon relax » 23.10.2012, 13:57

Kartenzwerg hat geschrieben:... Schlafe ich ab jetzt nur noch draußen, weil in meiner Gegend ein Erdbebenrisiko von 30% besteht?


Das würden verschiedene Menschen sicher unterschiedlich entscheiden, wenn sie denn die Möglichkeit zu dieser Entscheidung hätten.

Kartenzwerg hat geschrieben:... Die verurteilten Wissenschaftler hätten diese als Vorbeben einordnenen und vehementer vor einem noch größeren Beben warnen müssen, wird ihnen vorgeworfen. Aber in einem Land, das jeden Monat von zig Erdbeben heimgesucht wird, müssten jede Woche viele Menschen vorsorglich ihre Häuser verlassen.


Auch hier ist es im Zweifelsfall die Entscheidung für das kleinere Übel, wenn ich denn die Möglichkeit zur Entscheidung habe.

Für beide Entscheidungen sind allerdings Informationen notwendig. Welche Informationen wann (auf jeden Fall) rausgegeben werden (müssen), ließe sich über Gesetze oder Verordnungen regeln. Wenn man ein vermeintliches Fehlverhalten abstrafen will, muss man vorher auch regeln, welches Verhalten erwartet wird.

Wenn ein Staat oder eine Verwaltung der Meinung ist, dass ab einem bestimmten Risiko die Öffentlichkeit zu informieren ist, kann oder muss diese Institution das so regeln. Wenn sie Angst vor Panikreaktionen hat, wird sie die beiden sich entgegen stehenden Interessen abwägen. Diese Verantwortung allerdings auf Andere abzuwälzen ist nicht nur feige, sondern auch verantwortungslos. Allerdings ist das ein Verhalten, das wir täglich in allen möglichen Bereichen erleben, in Politik, Verwaltung und Betrieb. Nicht überall hat eine derartige Führungsschwäche so gravierende Auswirkungen.
Gruß
Bernd :dance:
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