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Zeit­ma­ga­zin, Nr. 24, 09.06.2022: Die Vor­läu­fe­rin

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Zeit­ma­ga­zin, Nr. 24, 09.06.2022: Die Vor­läu­fe­rin

Beitragvon Hübi » 10.06.2022, 09:28

Zeit­ma­ga­zin · Chris­ti­ne Mef­fert

Die Vor­läu­fe­rin

Über 1500 Me­ter war Ma­ria Strick­ling einst die schnells­te Frau der Bun­des­re­pu­blik. Dann ver­ließ sie die Bahn – und wur­de Trai­ne­rin. Wie das Lau­fen ein Le­ben prägt
Als Ma­ria Strick­ling 1941 auf die Welt kommt, ist ihr Va­ter seit Mo­na­ten tot, Frau­en tra­gen nun manch­mal Ho­sen. Wäh­rend des Krie­ges müs­sen sie mit dem Le­ben mehr denn je oh­ne Män­ner fer­tig­wer­den.

Die nächs­ten Olym­pi­schen Spie­le fin­den erst 1948 statt, doch so­sehr sich die Welt ver­än­dert hat – auch die­ses Mal dür­fen Frau­en nicht die Mit­tel­stre­cken lau­fen. Die 800 und die 1500 Me­ter, so glaubt man, sind ein­fach zu viel für sie.

Ma­ria Strick­ling glaub­te das nie. Sie ist Läu­fe­rin, Vor­läu­fe­rin so­gar, sie hat ge­tan, was Frau­en vor ihr kaum mög­lich war. Ver­gan­ge­nes Jahr ist sie 80 ge­wor­den, wirkt jün­ger und auf zu­rück­hal­ten­de Wei­se selbst­ge­wiss, sagt nicht so oft »ich«, ob­wohl sie über 1500 Me­ter ein­mal die schnells­te Frau der Bun­des­re­pu­blik war.

Kraft, Aus­dau­er und ei­ne ge­wis­se Grund­schnel­lig­keit brau­che man da­für, sagt sie beim Kaf­fee mit ih­rem Mann Rolf Strick­ling auf ih­rer Gar­ten­ter­ras­se. Bei län­ge­ren Stre­cken kön­ne man durch Fleiß ei­ni­ges wett­ma­chen, bei der Mit­tel­stre­cke we­ni­ger.

Wie ist es, sich et­was zu trau­en, was ei­nem kaum je­mand zu­traut? Und wie kam es, dass Wald­ni­el, ihr klei­ner Hei­mat­ort na­he der hol­län­di­schen Gren­ze, zu ei­nem welt­be­kann­ten Zen­trum für Läu­fe­rin­nen wur­de?

Das Land hier ist flach, die nächst­grö­ße­re Stadt hei­ßt Mön­chen­glad­bach. In Ma­ri­as Kind­heit be­wohnt die Fa­mi­lie ei­ne Haus­hälf­te in der Rös­ler-Sied­lung. Die gibt es heu­te noch, Rolf und Ma­ria Strick­ling fah­ren ei­nen ger­ne vor­bei. Die Gie­bel­häu­ser sind nun ge­wei­ßt, in schö­ner Re­gel­mä­ßig­keit ste­hen sie da. Die Draht-Fa­brik Rös­ler hat die Sied­lung An­fang der Drei­ßi­ger für ih­re Be­schäf­tig­ten er­baut.

Ma­ri­as Fa­mi­lie hat da­mals ei­nen gro­ßen Gar­ten, in dem Kirsch- und Ap­fel­bäu­me wach­sen, sie hal­ten Ka­nin­chen und Hüh­ner. Ih­re Mut­ter steht mit ih­ren vier Töch­tern al­lei­ne da, sie ar­bei­tet viel, bes­sert für an­de­re al­te Klei­dung aus, strickt Un­ter­wä­sche und ver­hö­kert sie an die Bau­ern ge­gen Milch und Speck. »Die konn­te al­les«, sagt Ma­ria Strick­ling – ma­xi­ma­le An­er­ken­nung von je­man­dem, der sel­ten gro­ße Wor­te macht.

Nach dem Krieg quar­tie­ren sich die Ame­ri­ka­ner ei­ne Wei­le in der Sied­lung ein, die Be­woh­ner müs­sen aus­zie­hen und kom­men bei Bau­ern in der Nä­he un­ter. Ganz fet­tig sei der Kü­chen­fuß­bo­den im Haus hin­ter­her ge­we­sen, weil sich die Amis am lau­fen­den Band Ei­er mit Speck ge­bra­ten hät­ten.

In Ma­ria Strick­lings Wohn­zim­mer hän­gen ein paar Fo­tos von ih­rem Va­ter. Sie ha­be sich schon manch­mal ge­fragt, war­um sie kei­nen Va­ter ha­be, aber ge­fehlt ha­be er ihr nicht, sie kann­te es ja nicht an­ders.

Nach­dem er ein­ge­zo­gen wor­den war, hat­te er sich bei der Grund­aus­bil­dung in Köln Blut­bla­sen in den schwe­ren Le­der­stie­feln ge­lau­fen und starb im La­za­rett an ei­ner Blut­ver­gif­tung. An der Front war er nie.

Und dann er­zählt sie noch, dass nur drei Mo­na­te nach dem Va­ter ih­re nächstäl­te­re Schwes­ter ge­stor­ben ist, sie war erst drei Jah­re alt. Auch sie lern­te Ma­ria Strick­ling nicht ken­nen: Sie wur­de erst nach dem Tod der Schwes­ter ge­bo­ren. Hät­te die Schwes­ter über­lebt, wä­ren sie fünf Mäd­chen ge­we­sen. Es ist das ein­zi­ge Mal wäh­rend der lan­gen Ge­sprä­che, dass Strick­lings Stim­me hart wird.

»Ei­ne Volks­für­sor­ge­rin hat Ber­tha mit­ge­nom­men, vor­geb­lich um mei­ne Mut­ter, die ge­ra­de ver­wit­wet war und mit mir hoch­schwan­ger, zu ent­las­ten. Bert­has Ent­wick­lung war ver­zö­gert, ›nicht ab­rich­tungs­fä­hig‹ hieß das in der Na­zi-Zeit.«

Ber­tha starb nur ei­nen Mo­nat spä­ter, wohl an ei­ner Lun­gen­ent­zün­dung. In den To­ten­schein schrieb man »Idio­tin«. »Erst viel spä­ter, da war ich schon lan­ge er­wach­sen, ha­be ich er­fah­ren, dass die die Kin­der im Win­ter un­be­klei­det bei of­fe­nem Fens­ter im Bett lie­gen lie­ßen. Die woll­ten die weg­ha­ben.« Ob die Mut­ter et­was da­von er­fah­ren hat, kann Ma­ria Strick­ling nicht sa­gen. »Mit mei­ner Mut­ter ha­ben wir dar­über nicht ge­re­det, das wur­de weg­ge­drängt. Für sie muss es sehr schwer ge­we­sen sein.«

Wie war es, die Kleins­te in die­sem rei­nen Frau­en­haus­halt zu sein? »Mei­ne Schwes­tern ha­ben mich ver­wöhnt«, er­zählt Ma­ria Strick­ling. »Und wir Mäd­chen hat­ten al­le Frei­hei­ten.« Sie tei­len sich ein Fahr­rad, flit­zen da­mit durch die Sied­lung. Meist fah­ren sie zu zweit, manch­mal so­gar zu dritt: ei­ne auf dem Ge­päck­trä­ger, ei­ne auf dem Sat­tel, und ei­ne – die hat den schwie­rigs­ten Job – tritt im Ste­hen in die Pe­da­le. Auch Roll­schuh lau­fen sie auf den Be­ton­plat­ten in der Sied­lung; wer am wei­tes­ten über die Teer-Ril­len da­zwi­schen hüp­fen kann, hat ge­won­nen.

Dass sie schnel­ler ist als die an­de­ren, merkt Ma­ria in der Schu­le. Ei­ne Bahn zum Lau­fen gibt es nicht, aber die Leh­rer mar­kie­ren 50-Me­ter-Etap­pen auf der Stra­ße und stop­pen die Zeit.

Als sie 14 ist, un­ter­nimmt sie mit den Pfad­fin­dern ei­nen Aus­flug mit Über­nach­tung. Sie mel­det sich so­fort, als die An­füh­re­rin sagt: Wer beim Wald­lauf mit­macht, ist vom Kü­chen­dienst be­freit. Ein paar Ta­ge spä­ter klin­gelt der Land­arzt Ernst van Aa­ken an der Tür der Fa­mi­lie. Ma­ria sol­le bei ihm im Ver­ein trai­nie­ren, er ha­be ge­se­hen, wie gut sie beim Wald­lauf war. Und sie will gern mit­ma­chen. Es gibt sonst nicht viel in die­ser Zeit, Tur­nen mag sie nicht, Ten­nis kön­nen sich die Strick­lings nicht leis­ten, und so wird Ma­ria 1955 durch Zu­fall Mit­glied beim OSC Wald­ni­el.

Ih­re Fa­mi­lie un­ter­stützt sie. Ei­gent­lich müs­sen al­le vier Schwes­tern sonn­tags ab­wech­selnd ko­chen, um die Mut­ter zu ent­las­ten, aber Ma­ria darf zum Trai­ning. »Mei­ne äl­te­ren Schwes­tern wa­ren da­mit ein­ver­stan­den. Sie ha­ben nur ge­wit­zelt: Der ar­me Mann, den du mal hei­ra­test.« Die Schnel­lig­keit, so glaubt Ma­ria Strick­ling, hat sie wohl von ih­rer Mut­ter, die sei in der Schu­le auch im­mer bei den Schnells­ten ge­we­sen.

Ernst van Aa­ken wird als »Lauf­dok­tor« und Er­fin­der des »Wald­nie­ler Dau­erl­auf­trai­nings« in den nächs­ten Jah­ren weit über die Re­gi­on hin­aus be­kannt wer­den. Lan­ge vor der Er­fin­dung des Jog­gings in den Sech­zi­ger­jah­ren pro­pa­giert er den »Dau­er­lauf«, das Lau­fen mit ge­mä­ßig­ten Tem­po, »lau­fen, oh­ne zu schnau­fen«, nennt es Ma­ria Strick­ling. Auch für Sport­ler emp­fiehlt van Aa­ken sei­ne Aus­dau­er­me­tho­de, statt des gän­gi­gen In­ter­vall­trai­nings mit sei­nen sehr in­ten­si­ven Be­las­tungs­pha­sen. Und, ei­ne Sel­ten­heit in den Fünf­zi­gern: Er setzt sich für den Frau­en­sport ein.

Noch in der Nach­kriegs­zeit ver­kün­det man­cher Me­di­zi­ner, dass Frau­en un­frucht­bar wer­den kön­nen vom Lau­fen, dass sie wo­mög­lich ihr Un­ge­bo­re­nes ver­lie­ren, es wird ge­warnt vor Haar­wuchs auf der Brust und Über­an­stren­gung. »Schon al­lein, dass der Bu­sen beim Lau­fen rauf- und run­ter­schwappt, fan­den vie­le gar nicht gut«, sagt Ma­ria Strick­ling tro­cken. Doch Ernst van Aa­ken glaubt so­gar, dass Frau­en leis­tungs­fä­hi­ger sei­en, dass sie sich grö­ße­ren Qua­len un­ter­zie­hen könn­ten, um et­was zu er­rei­chen. Ego­is­tisch sei er ge­we­sen, auch grob ha­be er wer­den kön­nen, wenn es nicht nach ihm ging, er­in­nert sich Strick­ling. Aber er ha­be an die Sport­le­rin­nen ge­glaubt. Mehr­mals in der Wo­che trai­niert er mit den Läu­fe­rin­nen und Läu­fern vom OSC Wald­ni­el lan­ge Stre­cken, in der Re­gel zehn Ki­lo­me­ter.

Heu­te, da man über­all und zu je­der Zeit Jog­ge­rin­nen sieht, kann man sich kaum noch vor­stel­len, dass das mal an­ders war. Aber da­mals auf dem Land sind die Läu­fe­rin­nen ei­ne Art Sen­sa­ti­on, die nicht je­dem in den Kram passt.

Dum­me Sprü­che wer­den ih­nen hin­ter­her­ge­ru­fen, wenn sie ih­re Run­den dre­hen. Schaut mal, Mäd­chen, ja wo lau­fen sie denn! Hopp, hopp! Eins, zwei, eins, zwei! An­de­re spot­ten: Der van Aa­ken züch­tet Záto­peks mit Zöp­fen. Der Tsche­che Emil Záto­pek ist da­mals ein le­gen­dä­rer Lang­stre­cken­läu­fer.

»Wir ha­ben das igno­riert«, sagt Ma­ria Strick­ling mit gro­ßem Gleich­mut, als ha­be es sich um schlech­tes Wet­ter ge­han­delt. Ha­ben die­se Klein­ma­che­rei­en sie viel­leicht auch des­halb re­la­tiv kalt­ge­las­sen, weil sie aus ei­nem rei­nen Frau­en­haus­halt stammt? Das sei schon mög­lich, sagt sie. Au­ßer­dem ha­be das nach ei­ni­ger Zeit auch auf­ge­hört. Man ge­wöhnt sich an die Läu­fe­rin­nen.

Nach der Schu­le macht Ma­ria Strick­ling ei­ne Leh­re beim Kauf­hof in Mön­chen­glad­bach. Mor­gens um acht nimmt sie den Bus; wenn sie abends wie­der nach Hau­se kommt, zieht sie sich um und geht um halb neun noch lau­fen – im Win­ter ist es da schon lan­ge dun­kel. »Meist war­te­ten wir, bis der Dok­tor in sei­ner Pra­xis fer­tig war, und ha­ben ihn dann ab­ge­holt für un­se­re Run­de um Wald­ni­el her­um.« Um zehn Uhr kommt sie schlie­ß­lich nach Hau­se. Für sie sei das kei­ne Ver­pflich­tung ge­we­sen, sagt sie, »es hat mir ein­fach Spaß ge­macht«.

Als Ju­gend­li­che läuft sie drei­mal die Wo­che, spä­ter geht sie hoch auf fünf­mal, »das muss man, wenn man rich­tig mit­mi­schen will«. Und man müs­se be­reit sein, sich zu quä­len, sich durch­zu­bei­ßen, auch im Wett­be­werb. Von ir­gend­wo­her, sagt sie, kom­me dann auch wie­der die Kraft.

Beim Kauf­hof hat man Ver­ständ­nis für ih­ren Sport, sie darf frei­neh­men für die Wett­kämp­fe, in der Fir­men­zei­tung wird über sie be­rich­tet. »Die wa­ren stolz auf mich.« Sie reist viel her­um in die­ser Zeit, ist un­ter­wegs zu Wett­kämp­fen mit an­de­ren jun­gen Sport­le­rin­nen. »Das war ei­ne schö­ne Ka­me­rad­schaft«, sagt sie.

1964 hei­ra­tet sie Rolf Strick­ling. Sie ha­ben sich im Ver­ein ken­nen­ge­lernt. Er läuft Lang­stre­cken und en­ga­giert sich beim OSC Wald­ni­el. Bis heu­te ist er im Vor­stand und lei­tet die Ge­schäfts­stel­le. »Un­ser Le­ben ha­ben wir am Sport aus­ge­rich­tet«, sagt er; erst vor zwei Jah­ren, mit 80, hat er das Lau­fen auf­ge­ge­ben. Jetzt fährt er Fahr­rad, um sich fit zu hal­ten.

In den Sech­zi­ger­jah­ren be­glei­tet er Ma­ria zu den meis­ten Wett­kämp­fen. Sie eman­zi­piert sich von van Aa­ken und be­ginnt, bei ei­nem Sport­leh­rer zu trai­nie­ren, der mehr Tem­po­läu­fe ins Trai­ning ein­streut. Dass sie bei den Wett­kämp­fen im Ram­pen­licht stand, ha­be ihm nichts aus­ge­macht, sagt Rolf Strick­ling. »Ich war Fah­rer und Be­treu­er, beim Trai­ning misch­te ich mich nicht ein, das hät­te ich mir gar nicht zu­ge­traut.« Und sei­ne Frau wird im­mer schnel­ler.

War sie sehr ehr­gei­zig?

Da muss sie über­le­gen. »Ge­win­nen war gut. Aber ich ha­be es mir im­mer so be­quem ge­macht wie mög­lich. Wenn ich mit ei­ner lang­sa­me­ren Zeit auch ge­win­nen konn­te, bin ich lang­sa­mer ge­lau­fen. Ich war nicht so ge­strickt, dass ich je­des Mal Best­zeit lau­fen muss­te.«

1969 ist ihr Jahr: Sie schafft

200 Me­ter in 26,4 Se­kun­den,

400 Me­ter in 56,4 Se­kun­den,

800 Me­ter in 2:06,6 Mi­nu­ten und

1500 Me­ter in 4:24,4 Mi­nu­ten.

Mit ih­rer Leis­tung über 1500 Me­ter läuft sie 1969 Re­kord in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land. Und sie qua­li­fi­ziert sich für die Olym­pi­schen Spie­le 1972, es sind die ers­ten über­haupt, bei de­nen Frau­en die Mit­tel­stre­cke von 1500 Me­tern lau­fen dür­fen. Ih­re Sport­le­rin­nen­kar­rie­re hat den Hö­he­punkt er­reicht.

Doch dann wird Ma­ria Strick­ling schwan­ger. Im Ja­nu­ar 1971 kommt ih­re Toch­ter zur Welt. Und die Zeit da­nach ist zu kurz, um wie­der an ih­re al­ten Leis­tun­gen an­zu­knüp­fen. Die Spie­le fin­den oh­ne sie statt.

»Letzt­lich über­wog die Freu­de über mei­ne Toch­ter die Ent­täu­schung«, sagt sie heu­te. »Na­tür­lich wä­re es schön ge­we­sen, bei den Spie­len zu lau­fen, aber die an­de­ren Läu­fe­rin­nen ha­ben 1972 al­le so ei­nen Sprung ge­macht, ich weiß so­wie­so nicht, ob ich da hät­te mit­hal­ten kön­nen.«

Da­mals ist Ma­ria Strick­ling 31, sie läuft noch ei­ni­ge Wett­kämp­fe. Aber vor al­lem be­schlie­ßt sie, ihr Wis­sen wei­ter­zu­ge­ben: Sie will die Kin­der von Wald­ni­el schnell ma­chen. »Es ist mir ei­gent­lich nicht schwer­ge­fal­len, ins Trai­ner­fach zu wech­seln«, sagt sie. Die klei­ne Toch­ter nimmt sie mit auf den Sport­platz, so­bald es geht. Oder Rolf Strick­ling küm­mert sich um das Kind.

Im sel­ben Jahr, 1972, hat der Mann, der sie zum Lau­fen ge­bracht hat, ei­nen schreck­li­chen Un­fall. Van Aa­ken dreht ge­ra­de ei­ne sei­ner spät­abend­li­chen Lauf­run­den, es ist dun­kel und reg­net. Ein bri­ti­scher Sol­dat, auf dem Weg ins Kran­ken­haus zur Ge­burt sei­nes Kin­des, fährt mit dem Au­to in ihn hin­ein. Dem Mann, der sein Le­ben dem Lau­fen ge­wid­met hat, müs­sen bei­de Bei­ne am­pu­tiert wer­den. Da­nach sei er fast noch fa­na­ti­scher für sei­ne Sa­che ein­ge­tre­ten, sagt Ma­ria Strick­ling. In den fol­gen­den Jah­ren macht van Aa­ken das klei­ne Wald­ni­el im­mer be­kann­ter. Ei­nes sei­ner gro­ßen Zie­le ist, dass Frau­en bei Olym­pia end­lich Ma­ra­thon lau­fen dür­fen.

Er or­ga­ni­siert Frau­en­ma­ra­thon-Läu­fe in Wald­ni­el und nimmt mit der Ame­ri­ka­ne­rin Kath­ri­ne Swit­zer Kon­takt auf, der Frau, die sich 1967 in den Bos­ton-Ma­ra­thon schmug­gel­te. Da­mals ist es Frau­en noch ver­bo­ten, an Ma­ra­thon­läu­fen, wie es sie heu­te in vie­len Gro­ß­städ­ten gibt, teil­zu­neh­men. Die 20-Jäh­ri­ge tut es trotz­dem, der Renn­di­rek­tor ver­sucht mit Ge­walt, sie aus dem Ren­nen zu zie­hen, ein Pres­se­fo­to von die­sem Vor­fall wird welt­be­kannt. Für sie, sagt Swit­zer Jah­re da­nach, zäh­le der Kampf der Frau­en um ei­nen Platz im Sport zu den gro­ßen kul­tu­rel­len Re­vo­lu­tio­nen.

Van Aa­ken holt Swit­zer nach Wald­ni­el, und die bei­den or­ga­ni­sie­ren 1979 zu­sam­men mit den Strick­lings das »Welt­tref­fen der Ma­ra­thon­läu­fe­rin­nen«, fi­nan­ziert von der Kos­me­tik­fir­ma Avon. Es wird ein Rie­sent­am­tam in der sonst ziem­lich ru­hi­gen Ge­gend: Tri­bü­nen wer­den er­rich­tet, die in­ter­na­tio­na­le Pres­se ist vor Ort, so­gar ein Hub­schrau­ber wird an­ge­mie­tet, und schlie­ß­lich lau­fen 188 Ath­le­tin­nen aus al­ler Welt ins Ziel ein.

Im Som­mer 1984 dür­fen Frau­en bei den Olym­pi­schen Spie­len in Los An­ge­les erst­mals den Ma­ra­thon lau­fen. Van Aa­ken er­lebt es nicht mehr, er ist ein paar Mo­na­te vor­her ge­stor­ben.

Auch nach sei­nem Tod en­ga­gie­ren sich Ma­ria und Rolf Strick­ling wei­ter für den Ver­ein. Rolf Strick­ling hat erst jetzt im Win­ter 2021 die Lei­tung der Frau­en­sport­grup­pe ab­ge­ge­ben, die er in den Sech­zi­ger­jah­ren ge­grün­det hat, darf aber selbst im­mer noch mit­ma­chen.

Und Ma­ria Strick­ling hat ein hal­bes Jahr­hun­dert lang al­le Al­ters­klas­sen trai­niert, in den ver­gan­ge­nen Jah­ren vor al­lem Ju­gend­li­che. Aber auch der Herz­sport-Grup­pe bleibt sie treu, die sie in den Acht­zi­ger­jah­ren zu­sam­men mit ei­nem Me­di­zi­ner ge­grün­det hat.

Fast die Hälf­te ih­rer Aben­de hat sie in die­sen 50 Jah­ren im Dr. Ernst von Aa­ken-Sta­di­on ver­bracht, es ist ihr Zu­hau­se, das merkt man, wenn sie ei­nen dort her­um­führt. Ein paar Kin­der spie­len Fuß­ball in der Abend­son­ne, ei­ni­ge Läu­fer dre­hen ih­re Run­den. Ei­ne Frau, Mit­te 50, be­rei­tet sich auf ih­ren nächs­ten Ma­ra­thon vor. »Die hat als Kind auch bei mir an­ge­fan­gen«, sagt Ma­ria Strick­ling und ruft ei­nen Gruß.

»Ob je­mand das Ta­lent zum Lau­fen hat, sieht man so­fort«, sagt sie, »am Lauf­stil, an der Kör­per­span­nung, an der Grund­schnel­lig­keit. Man läuft sich ja zu­erst ein­mal ein, wärmt sich auf, macht ein paar Tem­po­läu­fe, so ma­che ich das je­den­falls. Dann lässt man sie zum Bei­spiel ei­ne Py­ra­mi­de lau­fen, al­so im­mer län­ge­re Stre­cken oder ei­ne Se­rie von Sprints. Wenn die in der Grup­pe lau­fen, sieht man sehr schnell, wer noch die Kraft hat, mit­zu­ge­hen.« Bei ih­rem Trai­ning mischt Ma­ria Strick­ling die Aus­dau­er­me­tho­de und das In­ter­vall­trai­ning. Ganz oh­ne Tem­po­läu­fe geht es ih­rer Mei­nung nach nicht, da weicht sie von der Mei­nung ih­res al­ten Men­tors Ernst van Aa­ken ab.

Zwei Mäd­chen und zwei Jun­gen hat sie auf den Mit­tel­stre­cken bis zum deut­schen Meis­ter­ti­tel ge­bracht. Der letz­te ist Jo­el Eti­en­ne Schmitz. Er ist elf, als sie an­fan­gen, zu­sam­men­zu­ar­bei­ten, Ma­ria ist 75. »Er war in ei­nem Al­ter, in dem er das ak­zep­tiert hat. Ich ken­ne sei­ne Oma, die ist wahr­schein­lich ähn­lich alt«, sagt sie nüch­tern. »Der Sport­ler muss Ver­trau­en zum Trai­ner ha­ben. Wenn er das nicht hat, kann man gleich auf­hö­ren.«

Auch an den Wo­chen­en­den ist sie im Ein­satz. »Wenn man so ei­ne Auf­ga­be über­nimmt und jun­ge Leu­te trai­niert, dann hat man auch ei­ne Ver­ant­wor­tung«, sagt sie, »und muss auch zu den Wett­kämp­fen ge­hen. Man freut sich mit ih­nen, aber es gibt na­tür­lich auch Rück­schlä­ge. Dann muss man das er­klä­ren und auch ein biss­chen Psy­cho­lo­ge sein.«

Sie selbst läuft, bis sie Mit­te sieb­zig ist, dann bricht sie sich den Fuß und be­kommt Knie­pro­ble­me. »Das muss man im Kopf ver­ar­bei­ten«, sagt sie. Fort­an be­glei­tet sie ih­re Lauf­grup­pen mit dem Fahr­rad. »Ich kann gut ei­nen Ab­schnitt be­en­den«, sagt sie. »Es macht ja auch kei­nen Spaß, wenn man nicht mehr mit­kommt.«

Wenn sie zu­rück­schaut, was hat ihr das Lau­fen ge­ge­ben?

»Ich ha­be da­bei im­mer gut mei­ne Ge­dan­ken ord­nen kön­nen, und au­ßer­dem macht es ein­fach süch­tig«, ant­wor­tet sie. »Und wenn man Er­folg hat, dann spornt ei­nen das an – ich woll­te ein­fach se­hen, wie weit ich kom­me.« Sie denkt ei­ne Wei­le nach und sagt dann noch: »Es war ein­fach ein Glücks­ge­fühl.«

Im ver­gan­ge­nen Win­ter ist Ma­ria Strick­ling auf der Ter­ras­se aus­ge­rutscht. Erst vor Kur­zem wur­den Schie­nen und Schrau­ben aus dem Bein ent­fernt. »Viel­leicht«, sagt sie, »tre­te ich nun ein biss­chen kür­zer und bin nur noch ab und an beim Trai­ning da­bei.« Ein Ver­lust für den Ver­ein, es gibt nicht vie­le, die fast je­den Tag auf dem Sport­platz ste­hen für ei­ne ge­rin­ge Auf­wands­ent­schä­di­gung. Auch in ih­rer Zeit als Ak­ti­ve hat Ma­ria Strick­ling üb­ri­gens kein Geld mit ih­rem Sport ver­dient.

Ei­ne letz­te Fra­ge: War das Lau­fen für sie auch ei­ne Art Re­vo­lu­ti­on, ei­ne Be­frei­ung, wie für Kath­ri­ne Swit­zer?

Das wür­de sie so nicht sa­gen. »Aber da­mals hat­te je­der hier ei­ne Zei­tung, und wenn ich ge­won­nen hat­te, war ein Bild von mir drin, das war schön. Das hat Selbst­ver­trau­en ge­ge­ben. Es war auch gut, zu mer­ken, dass man mit­hal­ten kann. Man war an­ders, man war eben schnell.«

Fo­to Ju­lia Sell­mann
Bis heu­te trai­niert Ma­ria Strick­ling beim OSC Wald­ni­el Ju­gend­li­che, sie selbst ist seit 1955 Mit­glied

Fo­to Ju­lia Sell­mann
Ma­ria Strick­ling mit ih­ren Schütz­lin­gen vom OSC Wald­ni­el

Fo­to Ju­lia Sell­mann Fo­to Ju­lia Sell­mann
Im Dr. Ernst van Aa­ken-Sta­di­on in Wald­ni­el hat Ma­ria Strick­ling drei bis vier Aben­de die Wo­che ver­bracht

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