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09. November 1989

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09. November 1989

Beitragvon Hotti » 10.11.2019, 18:50

Wir sind das Volk - 09. November 1989

Heute ist der Tag, an dem sich das vorstehende Datum zum dreißigsten Male jährt. Und es ist der Tag, an dem sich in unserem geteilten Lande nach unsäglichen 28 Mauer- und Stacheldrahtjahren wieder die Tore öffneten. Historiker und die Geschichtsschreibung generell haben das Ereignis als Ergebnis aus friedlichen Demonstrationen in Leipzig und anderswo in der ehemaligen DDR festgehalten. Wie es jeder Einzelne von uns, der/ die damals diesen einmaligen Tag hautnah erlebte, ist vielfach in der Presse, in Radio-Interviews, in Dokumentationen oder sogar in TV-Film-Serien („Preis der Freiheit“) deutlich geworden. Und doch ist jedes Einzelschicksal nur ein einzelner Tropfen in der Weltgeschichte.

Von einem dieser Tropfen möchte ich hier an dieser Stelle berichten, weil sich die Duplizität der Ereignisse so rein zufällig ergeben haben, dass ich nicht daran vorbei komme, diese tatsächlich auf Papier festzuhalten.

Zum Ereignis Nr. 1:

1986 lief ich als Erstling im Mekka des Marathons in New York. Das war zugleich beeindruckend wie auch enttäuschend für mich. Hatte ich mich doch in vier Jahren seit meinem Marathonlaufbeginn fleißig bis an die drei-Stunden-Grenze herangearbeitet (2:58). Und nun das: (4:02), wenngleich bei km 27 zu Beginn der 1st Avenue Achillessehnen-Probleme auftraten. Na gut, kann passieren. Aber diese „Schmach“ ließ mich nicht ruhen und so entschloss ich mich, 1989, am 05. November ein zweites Mal beim „Big Apple“-Marathon in NYC zu starten. Ich lief wie ich konnte und war mit meinen 3:19 genau im Zeitfenster meines damaligen Leistungsvermögens. Der Trost: 20 Minuten kosten die fünf Anstiege an den Brücken und dann der verfluchte Central-Park mit Anstiegen wie im Fichtelgebirge. Das ist heute noch so gegenwärtig, wie alles andere was noch folgen sollte. Ein Einschub sei mir noch gestattet: Während des Laufs sprach mich ein Renner aus Krefeld mit der Frage an: „Was meinst du, laufen wir nächstes Jahr in Berlin durchs Brandenburger Tor?“ Gänzlich ungläubig parierte ich: „Nee, nee, darauf müssen wir wohl noch ein bisschen länger warten.“ Obwohl wir uns bald darauf aus den Augen verloren, musste ich an diese Frage ständig denken.

Vier Tage NY-City blieben noch, Metropolitan Oper und Museen, etliche Stadtteile, von Manhattan angefangen bis Brooklyn, sogar die berüchtigten Bronx, Harlem, Queens , der Broadway, die Fifth Avenue, natürlich das damalige World Trade Center und das Empire State Building, last but not least die Freiheitsstatue auf Liberty Islands mussten unbedingt sein. Kurzum, die Neue Welt nahm den noch nicht zu sehr verwöhnten Europäer heftigst gefangen, war doch diese gigantische Stadt damals der Superlativ des bis dahin Erlebten.

Zum Ereignis Nr. 2:

Am besagten neunten November 1989 ging der Besuch New Yorks mit Eindrücken vollgepumpt bis zum Abwinken zu Ende. Bis zum Airport John F. Kennedy dauert es eine Weile. Und wer heute meint, jemals in einem dicken Stau gehangen zu haben, der war noch niemals in New York. Trotzdem, ein Wunder geschah, Sekunden vor boarding-end, rutschen wir völlig erledigt in den Flieger nach Frankfurt/Main, Old-Germany. Der war rappeldicke voll, meist mit Landsleuten. Die Startphase war vorbei, in der Hoffnung, schon jetzt einen Erfrischungsschluck zu erhalten, gingen die Lichter im Passagierbereich an. Keine Stewardess, kein Steward zu sehen. Dafür stand mit Megaphon, voll gedresst in Uniform mit vier Ärmelstreifen, der Flugkapitän den Passagieren zugewandt im Türrahmen zur Pilotenkanzel. Er hätte eine wichtige Nachricht bekanntzugeben. Es wurde mucksmäuschenstill. Eine Entführung? Verhaltensanweisungen wegen eines Defekts oder gibt es gar eine Geburt an Bord? Nein, das alles nicht. „Meine sehr verehrten Fluggäste, falls Sie es noch nicht wissen, die Mauer ist heute geöffnet worden…“ Der Mann hatte noch nicht ausgesprochen, da brach ein ohrenbetäubender Jubel aus. Wie verrückt sprangen die Leute auf, umarmten sich und brüllten immer wieder, „nein, das kann nicht sein.“ Fast hätte man denken können, das Flugzeug stürzt ab. Und so bedachte es eines schroffen Anpfiffes des Kapitäns, sich unverzüglich wieder zu setzen. Und zur Versöhnung sagte er sogleich, dass er einige Flaschen Sekt an Bord habe, die er jetzt ausgeben würde. Es dauerte unendlich lange bis wieder einigermaßen Ruhe einkehrte. So richtig ein Auge zumachen war trotz der angebrochenen Nacht ohnehin nicht möglich. Selbst ausländische Mitflieger hatten strahlende Augen.
Irgendwie ging die Nacht im wahrsten Sinne des Wortes im „Fluge“ vorbei.

In Frankfurt zerbröselten sich die Fluggäste binnen kurzer Zeit. Jeder wollte so schnell wie möglich weiter. Unsere Destination Berlin war fast genausoweit entfernt wie der Abflug-Gate. 50 Minuten brauchten wir zum Umsteigen. Weder Bus noch Laufbänder standen zur Verfügung. Geschenkt. Wir müssen nach Berlin. Keine Verspätung. Die genaue Ankunftszeit ist mir nicht mehr geläufig. War es 7 oder 8 Uhr morgens? Der Taxifahrer brauchte keine zwanzig Minuten von TXL bis zur Krummen Lanke. Koffer und sonstige Reiseanhängsel blieben gleich im Eingangsbereich unserer Behausung liegen. Radio an. Nachrichten.

Ja, ja, es stimmte alles, die ersten Trabis wurden schon im Westen Berlins gesichtet. Um 10 Uhr - totmüde - standen wir in einer Menschenkette an der Glienicker Brücke und klatschten die mit uns jubelnden Potsdamer, Brandenburger oder die von weiter her aus der DDR ab. Ich habe nur noch geheult, aus Freude und Dankbarkeit. Wir, die Inselbewohner in Berlin-West, wurden ebenso befreit wie unsere Landsleute in der DDR, die so friedvoll wie sonst nirgendwo in der Welt demonstriert und so das Unmögliche, Unglaubliche erreicht hatten. Freiheit.

Und wenn bis heute noch Vieles im Argen liegt und der Preis der Freiheit in so manchen Teilen zu hoch war, dann gilt es heute, mit verstärkter Schlagkraft das auszugleichen, was auch den sozialen Frieden endlich bringen muss. Nix mehr mit Ossi und Wessi. Diese nicht tot zu kriegenden Trennungsinsignien müssen ebenso verschwinden, wie eben immer noch so manche Mauer in einigen Köpfen. Wir, wir sind das Volk. Alle zusammen und keiner fällt durch die Roste, weil sich sonst die wiedererwachte braune Rotte weiter breitmachen wird.
Horst
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Re: 09. November 1989

Beitragvon pixx » 11.11.2019, 17:19

Horst,

selbst beim Lesen kommen mir wieder die Tränen. Danke für den tollen Beitrag, vom ersten bis zum letzten Satz.


Herzlichst Martin



PS: Die Berliner Zeitung hat eine schöne Aufgabe zum 9. November geschaltet: Wo lief die Mauer entlang?
:jubilee: . . . . . . . . . . . Bild Bild
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09. November 1989

Beitragvon Asphaltcowboy » 12.11.2019, 03:35

pixx hat geschrieben:Horst,

selbst beim Lesen kommen mir wieder die Tränen. Danke für den tollen Beitrag, vom ersten bis zum letzten Satz.


Herzlichst Martin



PS: Die Berliner Zeitung hat eine schöne Aufgabe zum 9. November geschaltet: Wo lief die Mauer entlang?

Dem kann ich mich nur Anschließen.
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