
Dieses Lauf-Event in der westlichen Sahara nahe dem algerischen Tindouf ging in diesem Jahr in seiner zehnten Auflage unter dem Motto "35 years waiting to go home, 10 years running to reach the sea" über die Bühne des sandigen, steinigen Wüstenbodens. Die Marathonstrecke verbindet dabei die drei Flüchtlingslager Layoun, Aoserd und Smara, in denen viele zehntausend Menschen seit 35 Jahren darauf warten, frei in ihre durch Marokko besetzte Heimat zurückgehen zu können.
Der Marathon und Teilstrecken von 21,1 km, 10 km und 5 km wurde in der vergangenen Woche nun also schon zum zehnten Mal als ein Solidaritätslauf für die hier in den drei Lagern und dem etwas weiter entfernt gelegenen Dajla unter nur schwer akzeptablen Bedingungen ausharrenden Saharaui organisiert.
10 Jahre laufen, "um die See zu erreichen", über 10 Jahre hinweg immer wieder mit international ausgerichteten Sportevents Aufmerksamkeit erzeugen und den Menschen in der Wüste Mut machen. Was die wenigen Organisatoren hier jedes Jahr bei einem Minimum an vorhandener Infrastruktur auf die Beine stellen, hat mich sehr beeindruckt und anfangs hätte ich es mir sicherlich nicht träumen lassen, hier bereits zum dritten Mal dabei zu sein. Diesmal für die Halbmarathon-Distanz.
Diese Teilstrecke startet in Aoserd und führt durch zunächst hügeliges Gelände, über Dünen und über Geröllhalden, später wieder flache, endlos scheinene Wüste bis nach Smara und noch etwa vier km um das Lager herum. Die Strecke ist nicht sehr spektakulär, der sandige Boden ist weitgehend gut belaufbar, aber die Randbedingungen, die hohe Lufttemperatur von mehr als 35 Grad, die hochstehende Sonne, die hauptsächlich von vorne den Läufern ins Gesicht lacht und der stete, trockene Wind aus verschiedenen Richtungen, sind eine dauernde, zusätzliche Belastung.
Entlang der Strecke sind aber genügend Verpflegungspunkte eingerichtet, an denen Wasser und später auch Datteln angeboten werden. Ständig ist eines der vielen Begleitfahrzeuge in Sichtweite, so dass bei Bedarf auch schnell medizinische Hilfe zur Verfügung steht. Zwei Ärzteteams begleiten die ca. 450 für eine Woche aus aller Welt in die Wüste gereisten Sportler.
Für diese eine Woche vor Ort ist man Gast in einem der sieben Bezirke des Lagers, wird von einer Familie aufgenommen und untergebracht, wird bekocht und behütet - im wahrsten Sinne des Wortes. Das Verantwortungsgefühl für den Gast ist sehr gross. Eine wie auch immer geartete touristische Infrastruktur gibt es in den Lagern natürlich nicht, das lässt die Situation ja gar nicht zu, auch wenn sie schon weit länger als eine Generation besteht.
Der erste Kontakt mit dieser abgeschirmten Welt mag dann vielleicht auch etwas schockierend wirken, aber die Eindrücke der harten Lebensbedingungen, die sich ja im Lauf der Jahrzehnte durchaus auch leicht verbessert haben, werden wettgemacht mit der Herzlichkeit und Offenheit, mit der man hier aufgenommen wird. Das Ereignis hat gesellschaftliche Tragweite, weitläufige Verwandte der Familie kommen, um sich nach dem Gast zu erkundigen und vielleicht mit ihm Tee zu trinken. Der stark gesüsste grüne Tee mit einem Schlag Minze, der nach Art der Saharaui bei jeder Gelegenheit zelebriert wird, könnte bei dem Zuckergehalt dann auch durchaus als alleinige Energiequelle für einen Ausdauersportler dienen. Nach den paar Tagen im Lager hat man sich daran auch gewöhnt.
Der Lauf selbst wird bei den vielen Gedanken und Gefühlen, die einen plötzlich bewegen, bei den kleinen Überraschungen im täglichen Miteinander, beinah zur Nebensache.
Am Lauftag werden die Läufer mit Bussen zum jeweiligen Startort gebracht, die ihrer ursprünglichen Bestimmung im Nahverkehr irgendeiner europäischen Metropole schon lange nicht mehr genügen können, die ihre Kilometerleistung lange schon hinter sich haben und als Spende irgendwann hierher gekommen sind. Mal fehlt eine Tür, deren Öffnung notdürftig mit Blech abgedeckt wurde, mal fehlt ein komplettes Fenster, das durch Plane oder mit einem passenden Kunststoffteil ersetzt wurde, Sitze fallen auseinander oder fehlen. Manchmal fehlt die komplette Motorabdeckung. Aber die Motoren sind offenbar das letzte, das in diesen Fahrzeugen den Geist aufgibt und so sind die alten Busse wichtiges Transportmittel zwischen den Lagern.
Zum Marathonstart in Layoun fährt man in Smara um 7:00 Uhr noch bei Dunkelheit los, zum Halbmarathon erst um 8:30 Uhr. Da bleibt dann noch etwas Zeit für ein einfaches Frühstück mit schlichtem Weissbrot und Feigenmarmelade. Start des Marathons ist für 9:30 Uhr angesetzt, der Halbe beginnt eine Stunde später, aber was beginnt in der Wüste schon pünktlich? Dabei sind die zehn Minuten Verzögerung für die Marathonis noch moderat, die halbe Stunde beim Halbmarathon aber schon bissig, denn man muss die halbe Stunde erstmal länger in der Sonne stehen.
Das zahlreiche Publikum am Start ist aber genauso geduldig wie die vielen anderen Zuschauer entlang der Strecke in den Lagern. Zwischen den Lagern wartet allerdings niemand, abgesehen von den Verpflegungspunkten. Man hat die Weite der endlos ausgedehnten Sand- und Geröllfläche beinah nur für sich. Und wohin man schaut, der Horizont umschliesst einen auf 360 Grad. Es gibt keinen Anfang, kein Ende. Verlorener kann man sich auf festem Boden kaum fühlen, man könnte überall hinlaufen. Mit weissen Pfosten im Sand als Markierung, im Abstand von einigen hundert Metern gesetzt, aber bleibt man auf der Strecke.
Smara sieht man dannn schon aus etwas grösserer Entfernung aufgrund der Funkmasten die dort in den letzten jahren im Zentrum gebaut wurden. Nach den vielen einsamen Kilometern trifft man hier kurz vor dem Ziel wieder auf Zuschauer, die einen anfeuern, die wissen wollen, wie es einem geht. Die Frauen machen dabei ein unvergessliches uund unbeschreibliches Gekreische, dass sie mit schnell bewegter Zunge modulieren und das so typisch für die Saharaui ist. Bei festlichen Anlässen, wie der Siegerehrung am Tag nach dem Lauf gehört es genauso dazu, wie hier beim Lauf selbst. Schliesslich Zieleinlauf, Zeitnahme von Hand, Medaille umhängen und endlich wieder etwas Schatten finden und entspannen.
Inzwischen habe ich hier so etwas wie Routine und doch ist es jedesmal anders. Das Ziel liegt in diesem Jahr an einer Sportschule mit kleinem Vielzweck-Sportplatz für Volleyball, Basketball und Fussball im kleinen Masstab. Diese Anlage wurde in den letzten zwei jahren aus Mitteln geschaffen, die durch den Marathon gesammelt werden konnten. Der Teilnahmebeitrag für das Event beinhaltet immer auch einen Spendenanteil, der direkt für sportliche Einrichtungen vor Ort eingesetzt wird. Ein Punkt, der von Flüchtlingshilfeorganisationen sonst nicht geleistet werden kann, der aber wichtig für die soziale Entwicklung von Jugendlichen ist. So profitieren die Menschen hier auf verschiedene Weise von dem Marathon, der sicherlich im kommenden Jahr in die elfte Runde gehen wird, falls in der Zwischenzeit nicht bereits eine Lösung des 35 Jahre dauernden Konflikts gefunden sein sollte.
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Wer noch mehr dazu lesen möchte:
Hier noch zwei kurze Berichte aus 2008 Saharamarathon 2008 und Reise zu den Kindern der Wüste
Aktuelle Fotos folgen (wie immer, wenn ich noch unterwegs bin) etwas später.
Der Lauf wird übrigens auch unterstützt von der UNO-Flüchtlingshilfe


und
für deine Leistung in der Wüste.

Mobil: 0176 - 56 56 76 56 | Mobil beim Laufen: 0171 - 275 95 05
















für die Fotos 
