Die 5-Minuten-Schuhe
Als ich den Dauerlauf-Laden betrat, drückte mir die unwirsche Verkäuferin sofort eine Leiter und einen Eimer mit Putzzeug in die Hand. „Das nächste Mal kommen Sie bitte pünktlich.“ Sie schaute sich im leeren Laden um und ihre Miene hellte sich auf: „Na ja, halb so schlimm, ist noch keine Kundschaft da. Ab besten fangen Sie gleich mit dem Schaufenster dort rechts an.“
Ich stellte die Sachen ab und versuchte zu lächeln. „Ich bin Kundschaft und würde gerne die neuen 5-Minuten-Schuhe anprobieren.“
Ihr Blick blieb auch für andeutungsresistente Männer lange genug auf meiner in Läuferkreisen unüblichen Taillenpolsterung hängen, bevor sie eine professionelle Miene aufsetzte. „Bedaure, aber die neuen Schuhe müssen an den Träger persönlich angepasst werden. Ich stelle Ihnen gerne einen Geschenkgutschein aus.“
„Frau M.“, ich hatte das Namensschild auf ihrem himmelblauen Shirt gelesen, „vor zwei Jahren bin ich hier in Berlin 3:30 gelaufen und möchte den Erfolg in drei Monaten wiederholen.“
„Junger Mann, in Laufzeitschriften wird oft der falsche Eindruck erweckt, als könnte sich ein Minigolfer in zwölf Wochen zum Marathonläufer entwickeln. Tatsächlich richten sich diese Pläne an ganzjährig aktive Athleten, die ihr Training auf den Saisonhöhepunkt hin optimieren wollen. Wenn Sie einen Rat von mir annehmen möchten, wir habe hier ein ausgezeichnetes Paar Stabilschuhe im Angebot. Damit rennen Sie bei jedem Wetter, mindestens drei Mal pro Woche – auch im Winter. Am besten schließen Sie sich einem Verein oder einer Laufgruppe an. Ein paar Volksläufe im Herbst schaden sicher nicht.“ Sie drückte mir den Laufkalender in die Hand. „Und im nächsten Jahr kommen Sie mit einer anständigen Halbmarathonzeit wieder in den Laden und dann schauen wir weiter.“
Der Klang ihrer Stimme drückte Endgültigkeit aus. Wenn die Verkäuferin nicht so hinreißend ausgesehen hätte, hätte ich augenblicklich den Laden verlassen. „Frau M., mir ist nicht bekannt, dass man für Laufschuhe ein Rezept vom Arzt oder einen Waffenschein benötigt.“
„Besser wär's. Sie haben sicher von dem Finnen gehört, dessen Schuhe ihn während eines steilen Anstiegs in den Spagat gerissen hatten. Noch Monate später bewegte er sich auf Krücken.“
„Wahrscheinlich habe ich durch meine unendliche Geduld, den Anschein erweckt, für den Kauf von Schuhen den ganzen Vormittag verschwenden zu dürfen. Dem ist nicht so. Ich bitte Sie, mir endlich ein Paar 5-Minuten-Schuhe in 46 2/3 zu holen und das Laufband anzuwerfen.“
Resigniert drehte sie sich um. Bei einer freundlichen Verkäuferin hätte ich nach kurzer Zeit den Blick abgewendet, aber bei ihr ließ ich ihn über ihren Rücken wandern, die vollen Pobacken, die Schenkel entlang und zurück über die mittellangen, blonden Haare. Die Augen ruhten eine Weile auf den kräftigen Armen und den Brüsten, als sie sich nach einem Karton im Regal streckte.
„Ziehen Sie sich bitte aus.“
„Wie bitte!“, entfuhr es mir.
Sie schaute entnervt auf mein blaues Baumwollhemd und meine Jeans. „Sie müssen mehrere Kilometer im 5er-Schnitt laufen und wollen gewiss nicht mit klitschnassen Klamotten in der U-Bahn nach Hause fahren.“
Ein schlabberiger, dunkelblauer Baumwollslip und ein nicht dazu passendes, löchriges T-Shirt kamen zum Vorschein. Frau M. stellte ein auf den ersten Blick gewöhnliches Paar weißer Markenschuhe vor meine Füße. Einzig winzige Glasperlen, kleiner als Stecknadelköpfe, auf den Außenseiten der Absätze weisen den Fachmann auf das hoch entwickelte Innenleben hin. Amethyst kennzeichnet die 5-Minuten-Schuhe. Rubin die 4er.
„Die grauen Dinger da auch.“ Sie zeigte auf meine ausgewaschenen, ehemals blauen Baumwollsocken. Kaum hatte ich sie neben mich gelegt, versenkte sie die Verkäuferin mit spitzen Fingern im Mülleimer.
„Die Minuten-Schuhe aktivieren nach zwei Kilometern den Flow-Modus. Ich habe das Laufband so eingestellt, dass sich ihr Tempo allmählich dem 5er-Schnitt annähert. Zehn Sekunden vor dem Übergang bimmelt ein Glöckchen.“
Ziemlich flott trabte ich los. Die Verkäuferin räumte im Laden auf und rief mir zwischendurch Kommandos zu wie: Rücken gerade! Hände locker! Gleichmäßig und entspannt laufen! Ruhiger und tiefer atmen!
Ich schwitzte wie in der Sauna, bemühte mich aber, den Anweisungen zu folgen.
„Versuchen Sie, den 5er-Schnitt konstant beizubehalten. Falls Sie langsamer werden, verlängern die Schuhe ihre Schritte. Antworten Sie sofort mit einer Frequenzsteigerung. Beschleunigen Sie , leisten die Schuhe Widerstand.“
Aus dem Monitor ertönte ein glockiger Handyton. Kurze Zeit später kam es mir so vor, als ob ich über dem Laufband schwebte. Federleicht segelte ich dahin. Doch versuchte ich, das Tempo zu erhöhen, wurden die Beine wieder schwer. Rasch kehrte ich in die Leichtigkeit zurück. Am liebsten wäre ich über das Laufband getänzelt.
Eine scharfe Stimme riss mich aus den träumerischen Gedanken „Laufen Sie stetig weiter und verkneifen sich gefälligst jede Albernheit, sonst fliegen Sie ganz böse auf die Fresse!“
Eine so drastische Ausdrucksweise hätte ich der Hübschen gar nicht zugetraut. Ernüchtert trabte ich weiter. „Und wie halte ich mit diesen Schuhen an?“
Frau M. lächelte. Offenbar meine erste geistreiche Bemerkung, seit ich den Laden betreten hatte.
„Falls Sie kein Turner sind, stemmen Sie beide Beine fest auf den Boden. Hier aber erst, wenn ich Sie dazu auffordere. Ignorieren Sie das Ziehen in den Beinen und warten Sie 30 Sekunden ab. Danach können Sie sich genau zwei Kilometer lang beliebig schnell bewegen, bevor der Flow wieder einsetzt. Bedenken Sie bitte, dass im Wald keine Glocke ertönt.“
„Äh, können wir denn mal anhalten?“
„Okay, jetzt!“ Augenblicklich stoppte das Band. Ich drückte die Beine fest auf das Gummi und hielt mich am Geländer fest, während mir schwindelig wurde.
„Wagen Sie bloß nicht, ein Bein anzuheben! Auch nicht, wenn Sie kotzen müssen.“
Die Schmerzen in Waden und Oberschenkeln steigerten sich von Sekunde zu Sekunde und verdrängten das Schwindelgefühl. Plötzlich war alles wieder normal. Sofort zog ich die Schuhe aus und setzte mich.
Die Verkäuferin schnappte sich das Paar. „Ich gebe die gesammelten Daten in Ihren persönlichen Schuhspeicher ein. Bitte gedulden Sie sich ein paar Minuten.“
Diese neuartigen Schuhe waren gewöhnungsbedürftig, resümierte ich. Währenddessen bildeten sich um meine Füße und auf dem Kunstleder-Sitzkasten Pfützen. Beschämt schaute in die Richtung des Nebenraumes. Rasch zog ich die triefende Unterwäsche aus und säuberte notdürftig meine Umgebung, bevor ich die Lappen in der Umhängetasche verschwinden ließ.
Nachdem ich einen Betrag auf den Tisch geblättert hatte, von dem andere in Urlaub fahren, überreichte mir die lächelnde Verkäuferin ein Paar weiß gemusterter Laufsocken. „Ein Geschenk des Hauses und viel Vergnügen mit den neuen Schuhen.“
„Hoffentlich laufen sie mir nicht davon, wenn ich sie in die Sporttasche packen möchte.“
Das Gesicht von Frau M. wurde sofort ausdruckslos. Offenbar hatte ich mit dieser Bemerkung meinen gesamten Sympathiebonus verschleudert. „Auf Wiedersehen!“
„Ganz bestimmt“, entgegnete ich und hoffte, eine unüberhörbare Portion von Sarkasmus in die Stimme gelegt zu haben. Niemals wieder werde ich diesen Laden betreten! Bis ich das nächste Mal neue Laufschuhe brauche, gibt es die Wunderwerke in jedem Sportgeschäft.
Lachhase