Re: Laufkolumnen
von spiridon » 20.09.2011, 12:21
Portrait Teil 6
Als Autor erlebt man so manches, erst recht wenn es um Sportler, genauer: Läufer geht. Aber an ein derartiges Erlebnis kann sich MBZ (Marathon Best Zeit) nicht erinnern. Wir besuchen Markus Schnelle, einen der talentiertesten Läufer der LT Bernd Hübner.
Was geht einem als fiktiver Journalist nicht alles durch den Kopf, wenn man sich auf den Weg zu einer Homestory macht und über einen talentierten Läufer mit dem Nachnamen Schnelle berichten soll. Die Überschriften stehen vorher schon fest, den Plattitüden sind keine Grenzen gesetzt: „Der Name ist Programm“, „Der schnelle Schnelle“ oder „Keiner ist schneller als Schnelle“. Und dann kommt alles ganz anders…
Wir haben uns in Kleinmachnow verabredet, bei Markus zuhause. Schon Sekunden nach dem Klingeln öffnet mir seine Frau Nadine die Tür und bittet mich herein. Ich solle schon mal durchgehen, Markus würde im Garten warten. Auf dem Weg dorthin komme ich an der Küche vorbei und sehe eine Gestalt vor dem Kühlschrank hocken. Täusche ich mich da, oder sehe ich Markus von hinten, wie er sich ein Stück Kuchen herausnimmt? Unmöglich, denn kaum richte ich meinen Blick voraus in den Garten, liegt er vor mir im Liegestuhl und sonnt sich. „Ein herrliches Wetter“, begrüßt er mich, „ich war heute Vormittag schon 20 km laufen und könnte glatt nachher noch eine Runde drehen!“ So kennen wir ihn, immer ambitioniert, voller Tatendrang, seine Bestzeiten sprechen für sich und sind für andere Ziel und Traum zugleich. „Was willst Du denn schreiben?“, fragt er. Ich hatte einen Plan: Natürlich wollte ich über den anstehenden Marathon, seine Vorbereitung oder seine Ziele für die Zukunft mit ihm sprechen, als sich die Terrassentür öffnet und ein zweiter Markus mit einem Stück Pflaumenkuchen auf einem Teller vor mir steht. „Möchtest Du auch ein Stück, hat Nadine selbst gebacken!?“. Ich kann es kaum fassen: Während der eine Markus vor mir im Liegestuhl liegt, verputzt der andere Markus gerade die ersten Bissen. Bevor ich reagieren kann, folgt schon die Erklärung: „Ich wusste, dass es irgendwann herauskommt. Wir laufen natürlich beide, sonst würde ich das enorme Trainingspensum gar nicht schaffen!“, erläutert der Markus im Liegestuhl. „Ja, du musst dir unsere Trainingspläne mal anschauen, das schafft keiner alleine, nicht mal Jan oder Peter B.!“, schiebt der andere Markus entschuldigend hinterher, während er beschämt den Kuchen runterschluckt.
„Na gut“, beginne ich und will es jetzt wissen, „wer von euch ist denn nun in Hamburg bei der Hitze vor einigen Jahren so eingebrochen?“ „Das war ich!“, murmelt der Markus, der gerade den Kuchen verputzt. „Mir liegt die Wärme nicht, und dann schmeckt es mir auch einfach zu gut. Ich würde ja gern noch ein paar Kilo abnehmen…“ „Ach, lass das mal“, zwinkert mir der Markus aus dem Liegestuhl verständnisvoll zu, „Du brauchst das einfach.“ Meine Gedanken beginnen zu kreisen. Völlig unerklärlich erschien es mir, wie dieser Power-Läufer in Hamburg beim Marathon seit Jahren seine Zeiten verfehlt, hier in Berlin im Herbst aber regelmäßig Bestzeiten aufstellt. Wärme liegt Markus nicht, das war vorher schon klar. Aber diese krassen Einbrüche, die blieben immer ein Rätsel. Nun erklärt sich auch, weshalb er beim Halbmarathon im April nach wenigen Kilometern nahe dem Schloss Charlottenburg schon völlig entkräftet auf Peter B., Uwe und mich wartete. Eigenartig, an dieser Stelle kommt doch Markus sonst gerade erst ins Rollen, dachten wir uns damals. Wer ahnte denn, dass es zwei von der Sorte gibt und wir an diesem Spätvormittag auf den zweiten Markus trafen. „Und wer von euch schwänzt immer das Lauf-ABC?“ Schon als die Frage gestellt war, bemerke ich, wie überflüssig sie war. Es gibt also Markus und seinen „inneren Schweinehund“, in diesem Fall aber aufgeteilt in zwei Personen, die es sich abseits der Stadt – und nur da fällt es nicht so auf – gemütlich eingerichtet haben.
Ich erfahre schließlich noch, dass der Markus, der mir bei meinem Lauftraining auf der Krone gelegentlich auf dem Fahrrad begegnet, immer der Markus ist, der das Stück Pflaumenkuchen, dass er mir vorhin zur Begrüßung angeboten hat, soeben auch noch gegessen hat. „Na, der fleißige Markus hat ja vielmehr Disziplin als ich“, verrät er, „der wäre doch gelaufen und nicht gemächlich Fahrrad gefahren.“ Auch beim Intervalltraining am letzten Mittwoch schauten auf dem Kronprinzessinnenweg viele verwundert, dass Markus seinen Laufpartner Jan so einfach „ziehen“ ließ. Auch hier war natürlich der zweite Markus unterwegs, der auch nur daran zu erkennen war, dass es ihm scheinbar nichts ausmachte, die „gemütliche“ Runde mit Peter B. zu laufen. Dass mir das nicht aufgefallen ist.
Was der vorbildliche Markus mir aber nicht verraten hat war, dass sein Schweinehund-Ebenbild auch noch für das Verpassen der Anmeldung zum London-Marathon 2012 verantwortlich ist. Seine Frau Nadine erzählt schließlich, während sie die ersten Würstchen auf den Grill legt, dass der zweite Markus immer wieder beteuerte und versicherte, man hätte noch unendlich viel Zeit damit - bis es schließlich zu spät war. Als der fleißige Markus es schließlich selbst in die Hand nahm, waren die Startplätze vergeben. „Ich war einen Tag zu spät, meinte die Frau im Reisebüro!“, erklärt er enttäuscht. Zu gern wäre er im Olympia-Jahr in London gestartet. Aber nachtragend ist er seinem Schweinehund nicht, und er hat auch schon die Entschuldigung für ihn parat: „Der läuft halt nicht so gern!“
Das kann man von ihm nicht behaupten. Trainingsumfänge jenseits des Großteils der Lauftruppe und ein deutlich anderes Tempo machen ihn schon gemeinsam mit seinem neuen „Spezi“ Jan zu einem gefürchteten Duo auf den Laufstrecken. Und sollte es einmal nicht so laufen wie gewünscht, weiß man ja nun, wer da im Startblock stand.
Nach einigen leckeren Würstchen, es blieben tatsächlich welche für den Autor übrig, und einer netten Plauderei über Themen wie „Wer kümmert sich um die beiden Kinder während des umfangreichen Trainings?“ oder „Warum nur einmal am Tag trainieren, wenn man 24 Stunden Zeit hat?“ verabschiede ich mich. Das war wirklich ein verblüffender Nachmittag bei den Schnelles. Als mich Nadine zur Tür bringt, macht sie ihrem Herzen doch noch Luft: „Es ist schon nicht immer einfach mit den beiden. So wie das heute abgelaufen ist, ist es nicht immer. Die haben sich echt zusammengenommen, meistens liegen sie sich aber in der Wolle wegen ihrer Trainingspläne. Und wenn dann die anvisierten Zeiten nicht stimmen…“ „Das wird schon dieses Jahr“, versuche ich ihr Trost zu spenden. Wen von den beiden werden wir beim Berlin-Marathon sehen?
Olli