... kehrt wieder nach Flensburg zurück...!
11. Juni 2009, Neue Zürcher Zeitung
Des Löwen letzte ReiseOdyssee eines dänischen Kriegsdenkmals
Aldo Keel
Auf dem Kopenhagener Kierkegaard-Platz erhebt sich ein mächtiges Löwendenkmal. Dort wird alljährlich am 25. Juli jener 3000 Dänen gedacht, die 1850 in der Schlacht bei Isted den Tod fanden. Zur Erinnerung an diesen Sieg der Dänen über die Schleswig-Holsteiner schuf der Bildhauer H. V. Bissen einen Bronzelöwen, der mit triumphal emporgerecktem Kopf auf einem steinernen Sockel thront. Errichtet wurde das Monument 1862 auf dem Friedhof der dänisch kontrollierten schleswigschen Stadt Flensburg. Die Schnauze richtete die Raubkatze gen Süden. Da der Friedhof auf einer Anhöhe lag, war das Denkmal von der Stadt aus zu sehen, was deutschgesinnte Schleswig-Holsteiner als Provokation empfanden. Der Märchendichter Andersen fragte sich: «Was wird geschehen, falls uns hier einmal ein Feind besiegt?» Auf eine Antwort musste er nur zwei Jahre warten. 1864 marschierten die Preussen ein und erstürmten die Düppeler Schanzen. Deutsche Heisssporne schlugen dem Flensburger Löwen den Kopf ab.
Theodor Fontane besang den deutschen Helden Klinke, der bei der Erstürmung der Schanzen sein Leben opferte: «Da springt von Achtern einer vor: / <Ich heisse Klinke, ich öffne das Tor.> / Und er reisst von der Schulter den Pulversack . . . / Ein Blitz, ein Krach, der Weg ist frei – / Gott seiner Seele gnädig sei! / Solchen Klinken für und für / Öffnet Gott selber die Himmelstür.» Der Däne Herman Bang hingegen analysierte im Roman «Tine» den nationalen Überschwang jener Tage mit dem unbestechlichen Blick des Aussenseiters. Nach dem dänischen Debakel wurde mit dem Herzogtum Schleswig auch die Stadt Flensburg preussisch. Der Löwe aber kam als Kriegsbeute nach Berlin. Einst ein Symbol des dänischen Sieges, wurde das Standbild jetzt als deutsche Kriegstrophäe im Berliner Zeughaus aufgestellt und später in einen Kasernenhof verlegt. 1945 dann spürte ein dänischer Journalist das Monument auf, worauf General Eisenhower dessen Transport nach Kopenhagen anordnete. Bei der Ankunft in Dänemark sagte König Christian X., der Löwe werde nach Flensburg zurückkehren, «sobald es die Verhältnisse erlauben».
Vor elf Jahren fand die dänische Kulturministerin, die Zeit sei reif für die Rückführung des, wie eine Zeitung schrieb, «wachsamen und tragischen Tiers», und zwar als Zeichen der Versöhnung. Doch vorerst regte sich Widerstand. Einigen Deutschen war der Gedanke an ein «Symbol des dänischen Nationalismus» auf dem Flensburger Friedhof ein Greuel, während sich im dänischen Fredericia ein Verein bildete, der das «nationale Kleinod» für die eigene Stadt beanspruchte. Vergangene Woche jedoch stimmte die Flensburger Ratsversammlung der Rückführung des Denkmals bei fünf Gegenstimmen, einer Enthaltung und zahlreichen Absenzen zu. So wird denn der Löwe in einigen Jahren seine hoffentlich allerletzte Reise antreten, um auf dem alten Flensburger Friedhof an den Gräbern der vor 150 und mehr Jahren gefallenen Dänen Wache zu halten.
http://www.nzz.ch/nachrichten/kultur/ak ... 18360.html