Vom "Spinner" zum Spaßläufer – Berlins treuester Läufer
Er ist 61 Jahre alt. Aber man sieht es ihm nicht an: Bernd Hübner ist durchtrainiert und fitter als seine Turnschuhe. Der Berliner Marathon-Veteran gehört ohne Zweifel zu den so genannten "jungen Alten", wie seine Generation auch genannt wird.
Laufen ist Bernd Hübners Jungbrunnen. Um genauer zu sein: Marathon laufen - 42,195 Kilometer. Jedes Jahr nimmt er mindestens an einem Marathon teil. In Wien, in Zürich, auch in New York und Boston war er schon dabei. Aber nur ein Termin ist in jedem Jahr fest eingeplant: der Berlin-Marathon. Den hat er noch nie verpasst.
Hübner ist ein Berliner Läufer der ersten Stunde. Seit 1974, dem ersten Marathon der Stadt, ist er dabei. Damals war er 27 Jahre alt. Eigentlich ist er Ruderer, hat kräftig trainierte Oberarme, ist körperlich eher kompakt. Aber als seine Ruderkumpels die Ausschreibung zum ersten Marathon in Berlin sehen, stacheln sie ihn an, in der Gruppe mitzulaufen. "Der Reiz für mich war, ob man das überhaupt schafft, so eine lange Strecke, die längste olympische Laufdisziplin. Ich dachte mir, das einmal zu schaffen, das wäre schon eine Leistung. Und ich war natürlich angespornt von den anderen, dem Teamgeist", erinnert sich Hübner.
Nach drei Stunden und 38 Minuten kommt er ins Ziel. Glücklich, dass er es geschafft hat, aber auch glücklich, dass es vorbei ist. Denn die neuen Laufschuhe, die er sich vor dem Marathon gekauft hatte, haben schmerzhafte große Blasen hinterlassen. Doch die Wunden heilen, und als ein Jahr später wieder in Berlin Marathon gelaufen wird, ist auch Hübner erneut mit dabei.
Die "Ergebniskiste" von 1974
Zwischen damals und heute hat sich nicht nur Bernd Hübner zu einem waschechten Marathoni gemausert, auch der Berlin Marathon ist gewachsen, zu einem der größten Läufe Europas. 1974 sind es dagegen gerade einmal 286 Teilnehmer, die sich am Start in der Waldschulallee 80 treffen und dann an der Avus entlang Richtung Strandbad Wannsee laufen. "An der Strecke waren Null Zuschauer, da war nichts los. Marathonläufer wurden ja damals als absolute Spinner abgetan. Ich hätte nie gedacht, was aus dem Berlin-Marathon einmal wird", sagt Hübner.
In den 70ern ist ein Marathon etwas für Spezialisten, für Freaks. Es gibt kaum Ausrüstung, gerade mal zwei akzeptable Laufschuh-Modelle. Die Startnummern muss man gegen einen Pfand ausleihen und nach dem Lauf wieder zurückgeben. Die Ergebnisliste wird von Hand erstellt, mit der Schreibmaschine. Gleich beim ersten Lauf schleicht sich ein kleiner Schreibfehler ein: "Ergebniskiste" steht auf dem Papier.
Dann schwappt Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre die Fitness-Welle aus den USA herüber. "Trimm Dich"-Pfade entstehen in den Berliner Stadtparks. Jogging wird Mode. Und es interessieren sich mehr und mehr Menschen für den Marathon. 1981 ändert sich die Strecke in Berlin, der Wald-Marathon wird zum Lauf durch die City, und schlagartig steigt die Teilnehmerzahl von gut 300 auf über 3000. Jetzt ist auch Hübner endgültig dem Berlin-Marathon verfallen. "Durch die Stadt zu laufen, das war für mich als Ur-Berliner einfach toll. Die Straßen gesperrt für die Autos, immer mehr Läufer auf der Strecke und immer mehr Zuschauer am Rand. Das hat einfach Spaß gemacht. Der Marathon in Berlin ist für mich einfach der wichtigste Lauf."
Laufen in der ganzen Welt
Dieses Jahr wird Hübner in Berlin seinen 102. Marathon laufen. Und er kann sich an alle erinnern: zum Beispiel 1980 in New York, als er Flyer für den Berlin-Marathon verteilt. Oder 1985 in Rio de Janeiro, wo er im Sonnenuntergang am Zuckerhut vorbeirennt, die Skyline von Rio im Abendlicht. Oder im gleichen Jahr in Griechenland, als er zur Wiege der Laufdisziplin fährt und vom kleinen Örtchen Marathon nach Athen rennt.
Ein ganz besonderer Lauf ist für ihn der Berlin-Marathon 1990. "Zu Mauerzeiten sind wir noch am Reichstag gestartet und haben uns immer auf der Wiese vorm Reichstag warm gelaufen. Da haben wir dann immer rüber zum Brandenburger Tor geguckt und gesagt: Einmal da durchlaufen, wenn man das erleben könnte! Da krieg ich jetzt noch 'ne Gänsehaut", erzählt Hübner. 1990 wird für ihn ein Traum wahr, der Marathon führt das erste Mal durch das Brandenburger Tor und durch den Ostteil der Stadt. Auf den Straßen in Ost-Berlin sind zwar kaum Zuschauer, aber Hübner wird diesen Lauf nie vergessen.
Küsschen und Cola
Wo Hübner auch läuft oder trainiert, seine Frau Moni ist immer dabei. Seit 37 Jahren sind sie verheiratet. Moni ist zwar selbst eher für die kurzen Distanzen zu haben, aber wenn ihr Mann läuft, steht sie an der Strecke. "Moni hält beim Marathon immer mein Geheimmittel parat: Küsschen und Cola. Das ist mein Doping, da spüre ich, wie die Kraft zurückkommt." Hinter dem Ziel ist seine Frau die erste, die ihm gratuliert, in der Hand eine Thermoskanne mit kräftiger Hühnersuppe. Die gibt es nach jedem Rennen.
Seine Frau steht ihm auch bei, als Hübner vor drei Jahren seinen bisher schwersten Lauf hat. Im Frühjahr 2005 überrascht ihn die Diagnose Krebs, Prostata. Hübner sagt alle geplanten Rennen ab. Nur den Berlin-Marathon nicht. "Das wollte ich unbedingt schaffen. In Berlin absagen, das kam für mich nicht in Frage", erzählt er.
Die Operation im April verläuft gut, er kann wieder leicht trainieren. Dann kurz vor dem Rennen der nächste Dämpfer: ein Meniskusriss im linken Knie. Hübner lässt sich nicht aufhalten. Mit einer Bandage am Knie und einem starken Willen läuft er die 42,195 Kilometer, langsam und vorsichtig, immer ein Ohr nach innen in seinen Körper gerichtet. "Bei Kilometer 40 dachte ich dann: Na, die zwei Kilometer schaffste auch noch auf einem Bein", erinnert er sich. Es ist nicht sein schnellstes Rennen, aber sein bisher größter Erfolg.
Wiedergeburt und Lampenfieber
Für Bernd Hübner gehört das Laufen einfach zum Leben dazu. "So ein Marathon ist eigentlich immer wie eine Wiedergeburt. Man rennt durch einen Tunnel und gibt alles, was man hat. Und wenn man es dann geschafft hat und zu Hause in der Badewanne liegt, hach, dann ist das einfach ein tolles Gefühl."
Wenn ihn früher der Ehrgeiz nach der immer besseren Zeit reizte, sind es heute eher der Spaß und die Lauffreunde, die ihn motivieren. Miteinander plaudern, jungen Läufern Mut machen, nach dem Training kurz gemeinsam in die Kneipe – davon schwärmt Hübner jetzt. Aber eins hat sich während der letzten 101 Marathons nicht geändert: Das Lampenfieber vor den Läufen, das ist geblieben.
Anne Klotz
http://www.rbb-online.de/_/marathon/bei ... 77432.html

Mobil: 0176 - 56 56 76 56 | Mobil beim Laufen: 0171 - 275 95 05



als "Spinner" werde ich aber auch oft klassifizeirt 


Sonntag kommt mein 7. Marathon und als ich 7 war, war ich vor Weihnachten bei weitem nicht so aufgeregt.
