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35 Jahre BERLIN-MARATHON - Eine Bewegung aus dem Grunewald

35 Jahre BERLIN-MARATHON - Eine Bewegung aus dem Grunewald

Beitragvon Hübi » 17.09.2008, 22:49

35 Jahre BERLIN-MARATHON - Eine Bewegung aus dem Grunewald - Vom BERLINER VOLKSMARATHON zur World Marathon Majors - Geschichten und Anekdoten

Am 15. August 1974 stellte man entsprechende Anträge für die Ausrichtung des 1. Berliner Volksmarathon (so hieß der BERLIN-MARATHON offiziell in den ersten beiden Jahren), am 11. September 1974 lag dem Verein aus Eichkamp die Genehmigung des Polizeipräsidenten vor – der Vorgang kostete damals 25 DM.

Start zum 1. BERLINER VOLKSMARATHON 1974 in der Waldschulallee in Eichkamp ©Bildarchiv Heinrich von der Becke im Sportmuseum Berlin - AIMS Marathon-Musuem of Running
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Am 27. September 2008 wird der BERLIN-MARATHON zum 35. Mal veranstaltet. 1974 noch belächeltes Unikum im Berliner Grunewald mit Teilnehmern aus vier Nationen hat sich daraus eine Weltklasseveranstaltung mit internationalem Rang entwickelt mit jetzt Teilnehmern aus mehr als 100 Nationen. Wir wollen diese Entwicklung nachzeichnen, um die Leistungen der Athleten und Athletinnen und auch die Arbeit der Organisatoren zu würdigen.

„Die Geschichte ist zu schön, als dass wir sie für uns behalten wollen. Es ist die Rede vom Volkslauf am Teufelsberg. Zur gleichen Zeit, da in Hamburg die Veranstalter eines ,Cross-Country-Laufes für Jedermann’ ein Fiasko erlebten – ganze neun Läufer fanden sich ein – starteten in Berlin über 700 Teilnehmer beim 1. Berliner Cross-Country-Lauf.

Fünf von ihnen kamen sogar aus der Bundesrepublik. Eigens zu diesem Rennen. Einer war aus Xanten, der fuhr 600 Kilometer hierher und wieder 600 Kilometer zurück. Und wenn man so weit reist, um des Hobbys willen, dann hat man natürlich vorgesorgt. So auch unser Mann. Als er das Ziel passiert hatte, keineswegs erschöpft, aber auch nicht unter den ersten, ging er an seine zweite Aufgabe: das Studium der Ergebnisse. Er strahlte, denn eine ehrende Anerkennung, so glaubte er, schien ihm sicher zu sein.

Doch dann verfärbte sich sein Gesicht. Der Mann mit der längsten Anfahrtstrecke ärgerte sich. Was dachten sich denn eigentlich die Veranstalter, dass sie hier nur einen Altersklassensieger ausriefen? Schließlich ist es doch etwas anderes, ob man 55, 50, 45, 40 oder 35 Jahre alt ist? Horst Milde, der die Hauptlast der Organisation trug, beruhigte den Xantener Gast. ,Das holen wir natürlich nach’, sagte er, ,und Ihre Urkunde sollen Sie auch haben. Geben Sie mir doch Ihre Adresse.’ Sein Gegenüber strahlte erneut und griff in die Tasche seines Sakkos: In der Hand hielt er – eine Urkunde, fein säuberlich in Heimarbeit gezeichnet, nicht einmal der eigene Name war vergessen, dazu die Altersklasse, die ihm nun auch ,von Amts wegen’ zukam. ,Fehlt nur noch Ihre Unterschrift’, meinte der Mann. Horst Milde gab sie…“

Diese Anekdote ist knapp 45 Jahre alt. Beschrieben hat sie der Leichtathletik-Journalist Ekkehard zur Megede im November 1964 im Berliner ,Tagesspiegel’. Er konnte nach dem ersten Volkslauf, den Studenten der Freien Universität Berlin organisierten, die zugleich Mitglied des Sport-Club Charlottenburg Berlin waren, natürlich nicht ahnen, welche Entwicklung die späteren Läufe des Traditionsklubs nehmen würden, und dass er auch in dieser Glosse manches von einem inzwischen jahrzehntelangen Erfolgsrezept beschrieben hatte, das die Veranstalter auszeichnete: Innovationsfreude, Flexibilität und Service.

Es war jener Crosslauf am Teufelsberg, der am 8. November 1964 den Anfang machte von einem ebenso erstaunlichen wie sensationellen Kapitel deutscher Leichtathletik-Geschichte. Höhepunkt dieser Entwicklung ist der BERLIN-MARATHON, der fast auf den Tag genau zehn Jahre nach dem ersten Crosslauf seine Premiere hatte.

An einen Marathon war in den 60er Jahren natürlich noch nicht zu denken. Auf die Idee, ein solches Rennen zu veranstalten, kamen die Organisatoren, nachdem sie 1973 ein Informationsschreiben des Berliner Leichtathletik-Verbandes (BLV) erhalten hatten. In dem stand unter der Überschrift ,Internationaler Marathonlauf in Berlin’: „Dieser Internationale Berliner Langstreckentag am 14. Oktober mit Start und Ziel am Mommsenstadion war ein voller Erfolg… voll des Lobes waren alle 92 angetretenen Aktiven…“. 92 Teilnehmer – das ist wenig, da sollte mehr drin sein, dachten sich die inzwischen bereits erfahrenen Veranstalter um Horst Milde, die das Rennen, dessen Ziel vor dem Mommsenstadion lag, quasi direkt von ihrem Geschäftszimmer aus beobachten konnten.

Am 15. August 1974 stellte man entsprechende Anträge für die Ausrichtung des 1. Berliner Volksmarathon (so hieß der BERLIN-MARATHON offiziell in den ersten beiden Jahren), am 11. September 1974 lag dem Verein aus Eichkamp die Genehmigung des Polizeipräsidenten vor – der Vorgang kostete damals 25 DM. Sechs Tage nach der polizeilichen Genehmigung, am 17. September 1974, gingen die ersten beiden Meldungen ein. Fast täglich wurden es deutlich mehr, bald war die BLV-Starterzahl von 1973 deutlich überboten, und am Ende wurden 286 Starter gezählt – eine für damalige Verhältnisse überraschend hohe Zahl. Bei der Premiere wurde die Streckenführung des BLV übernommen.

Gestartet wurde in diesem Jahr also außerhalb des Mommsenstadions auf der Waldschulallee Nr. 80. Die AVUS auf der einen, der Grunewald auf der anderen Seite – das war die Marathonstrecke der ersten acht Jahre. Gelaufen wurde dann fast bis zum Eingang des Strandbades Wannsee, wo sich die Wendemarke des zweimal zu absolvierenden Pendelkurses befand. Drei Verpflegungspunkte gab es auf der Grunewaldstrecke, an denen neben Wasser auch Tee, Obst und Brühe für die Läufer bereitgehalten wurde. Gestartet wurde am 13. Oktober 1974 um 9 Uhr an der Waldschulallee 80, Zielschluss war sechs Stunden später um 15 Uhr.

Die Teilnehmergebühr betrug damals 12 DM. Dafür erhielt jeder Läufer, der das Ziel vor dem Mommsenstadion erreichte, schon eine Medaille sowie eine Urkunde und eine Ergebnisliste, die damals noch von Hand getippt wurde.

244 Läufer kamen in Besitz dieser ersten Medaille und Urkunde des BERLINER VOLKSMARATHON. Sie erreichten das Ziel. Die ersten Sieger hießen Günter Hallas (LG Nord Berlin), der 2:44:53 Stunden benötigt hatte, und Jutta von Haase (LG Süd Berlin), die 3:22:01 Stunden lief. Zu beiden gibt es Anekdoten, die typisch sind für die Anfänge der Laufbewegung.

So ignorierte Günter Hallas während der 42,195 Kilometer sämtliche Verpflegungsstände. „Ich war 32 Jahre alt und absolut ahnungslos. Deswegen dachte ich, ich muss das so durchhalten“, erinnert sich Günter Hallas an seinen Sieg, der kurz vor dem Ziel noch einmal in Gefahr zu geraten schien. Denn drei Kilometer vor dem Mommsenstadion lief nichts mehr bei Günter Hallas. „Ich blieb stehen, es war so gut wie vorbei. Ich wollte aufgeben, doch ein Zuschauer hat mich aufgemuntert und regelrecht ins Ziel gescheucht.“ Da hatte Günter Hallas Glück, denn Zuschauer gab es bei diesem ersten BERLIN-MARATHON so gut wie keine. Und sehr viel länger hätte er sich nicht aufhalten dürfen, denn der zweitplatzierte Rudolf Breuer vom SCC Berlin hatte nur 1:50 Minuten Rückstand.

Der erste Sieger läuft heute immer noch beim real,- BERLIN-MARATHON mit. Mit 32 erfolgreichen Starts steht Günter Hallas gemeinsam mit Wilfried Köhnke sogar an zweiter Stelle in der Liste der Läufer mit den meisten Teilnahmen. Nur einer war immer dabei: Bernd Hübner. Alle drei sind natürlich Mitglieder im BERLIN-MARATHON-Jubilee-Club, dem alle angehören, die den BERLIN-MARATHON mindestens zehnmal erfolgreich absolviert haben.

Der erste BERLIN-MARATHON dürfte der einzige bleiben, bei dem gleich beide Sieger keinerlei Getränke zu sich nahmen. „Die damals sehr bescheidenen Verpflegungsstellen habe ich überhaupt nicht beachtet oder genutzt“, erzählt Jutta von Haase, die aufgrund eines empfindlichen Magens nicht einmal Wasserbecher anrührte. Dass sie überhaupt antrat beim ersten BERLIN-MARATHON, war für manche eine Überraschung. Denn eigentlich war Jutta von Haase Mittelstreckenläuferin.

„Was machst Du denn hier? Diese lange Strecke, das ist nichts für Dich.“ So begrüßte sie Fritz Orlowski, über viele Jahre Langstreckentrainer des SC Charlottenburg und Insider der Berliner Leichtathletik, damals noch vor dem Start. Jutta von Haase weiß auch noch, wie es danach war: „Abends in der Philharmonie kam ich die Treppen nur rückwärts runter.“ Als Mittelstreckenläuferin hatte Jutta von Haase eigentlich viel zu wenige Trainingskilometer für einen Marathon in den Beinen.

Schon damals, 1974, versuchte der SCC seine Teilnehmer im Vorfeld zu betreuen. So wurden Trainingskurse für potenzielle Marathonläufer angeboten. Geworben wurde für den ersten BERLIN-MARATHON mit einem vierseitigen Informationsblatt. Unter diversen Informationen und Hinweisen fand sich darin auch der Punkt „Vorbereitung“: „Die Losung für Alle: Ohne Training – kein Marathonlauf…“, hieß es unter anderem.

Ein anderer Punkt führte zur Verzweiflung der Berliner Sportärzte. Laut Wettkampfordnung des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) musste damals jeder Marathonläufer am Veranstaltungstag ein sportärztliches Gesundheitszeugnis vorweisen, das nicht älter als acht Wochen sein durfte. Folglich rannte jeder Läufer zuerst zum Sportarzt seines Bezirkes – sie bekamen den ersten „Berliner Laufboom“ zu spüren. Später konnten die Veranstalter den Verband erfolgreich davon überzeugen, dass eine solche Regelung erstens wenig praktikabel und zweitens wenig nützlich ist. Das gilt auch heute noch.

Der erste Berliner Volksmarathon war auch eine konsequente Fortsetzung des Laufprogramms für Breitensportler, das der Klub zehn Jahre zuvor begonnen hatte. Zwischen Crosslauf und Marathon hatten die Charlottenburger das Volksgehen (1966), den heute noch stattfindenden Volkslauf (1967) und ein Volkswandern (1971) ins Leben gerufen. Doch an eine Massenbegeisterung auf und entlang der Strecke war natürlich noch längst nichts zu spüren. Eher war es das Wort ,Verrückte’, das den Organisatoren noch einige Jahre lang zu schaffen machte. So mancher Spaziergänger im Grunewald, der den Läufern begegnete, soll sich nur an die Stirn getippt und von ,Verrückten’ gesprochen haben, als er hörte, welche Distanz die Athleten dort zurücklegten.

Der Siegesbote von Marathon war 1974 auf den ersten Medaillen abgebildet – doch niemand konnte ahnen, dass just dieses Symbol 24 Jahre später bei einem BERLIN-MARATHON mit ganz anderen Dimensionen, nämlich der 25. Auflage der Veranstaltung, wieder in Erscheinung treten sollte. Feiern durften die Organisatoren dann auch ihren eigenen Siegeszug. Anfangs allerdings hatte es nicht danach ausgesehen, denn in den ersten sieben Jahren gingen nie mehr als 400 Läufer an den Start.

1975 war die Strecke etwas verändert worden. Start und Ziel waren nunmehr im Mommsenstadion. Vermessen hatte den neuen Kurs Helge Ibert, der noch rund zwei Jahrzehnte lang für diverse Strecken des BERLIN-MARATHON verantwortlich zeichnete. Am Grunewalder Kurs hängten die Veranstalter Plakate im A2-Format auf, die die Autofahrer dazu aufriefen: ,Nehmt Rücksicht auf Marathonläufer’. Die von Sperrungen betroffenen Anwohner in Eichkamp wurden zudem mit Handzetteln informiert. Damals wie heute keine Gelegenheit für Veranstaltungswerbung auslassend, fand sich auf diesen Zetteln auch der folgende Hinweis: ,PS: Auch Sie können an einem solchen Lauf oder an ähnlichen Volkswettbewerben teilnehmen, nur müssen Sie mal vorher trainieren!’ Verwiesen wurde auf die SCC-Lauftreffs.

Neben einer neuen Strecke gab es 1975 auch ein Novum in der Geschichte des BERLIN-MARATHON. Mit Ralf Bochröder (2:47:08 Stunden) und seiner Frau Kristin (3:59:15) gewann ein Ehepaar – er startete für den OSC Berlin, sie als Vereinslose. Ein Jahr später wurde mit 397 Läufern die höchste Beteiligung auf der Grunewaldstrecke registriert. Ingo Sensburg (Neuköllner SF) – einer der erfolgreichsten Berliner Langstreckenläufer in den 70er und 80er Jahren – siegte in 2:23:08 Stunden zum ersten Mal.

Bei den Frauen erreichte Ursula Blaschke (SCC Berlin) in 3:04:12 Stunden vor Jutta von Haase (3:05:19) das Ziel. Ursula Blaschke war die erste Siegerin des Veranstalterklubs SCC Berlin. Bis heute gab es keinen Mann, der für den SCC startete und den BERLIN-MARATHON gewann. Und daran wird sich in absehbarer Zeit wohl auch nichts ändern. Ein Kuriosum fand sich in der damaligen Zeit wiederholt an den Verpflegungsständen: Den Läufern wurden Salztabletten angeboten. Damit meinten einige, den Salzverlust durch das Schwitzen ausgleichen zu müssen. Derlei Dinge sind ebenso längst überholt, wie ein Experiment, bei dem in den Jahren 1976 bis ‘80 ein zweiter Wettbewerb in den BERLIN-MARATHON integriert wurde. Gelaufen wurde damals auch über 25 km. Doch dieses zusätzliche Angebot brachte den Veranstaltern auch Probleme: Vor allen Dingen ältere Teilnehmer versuchten zu mogeln, indem sie ins Ziel rannten und behaupteten, Marathon gelaufen zu sein.

Die vierte Auflage des BERLIN-MARATHON brachte den sportlichen Höhepunkt auf der Grunewaldstrecke. Integriert waren in die Veranstaltung 1977 nämlich zum ersten Mal die Deutschen Marathon Meisterschaften des Deutschen Leichtathletik-Verbandes. Zunächst wurde jedoch morgens um 9 Uhr der ganz normale BERLIN-MARATHON gestartet, bei dem der Brite Norman Wilson für ein Highlight sorgte: er lief die für damalige Verhältnisse sehr gute Zeit von 2:16:20,7 Stunden.

Schnellste Frau war Angelika Brandt (OSC Berlin) in 3:10:26,8. Doch eine andere Siegerin sollte für Furore sorgen. Um 14.45 Uhr, 90 Minuten vor den Männern, begann das Rennen um die Deutsche Meisterschaft der Frauen. Es war der Tag der Christa Vahlensieck. Die 28-jährige Wuppertalerin gewann den Titel in der Weltbestzeit von 2:34:47,5 Stunden. Rund ein Jahr hielt dieser Rekord, dann wurde die norwegische Weltklasseläuferin Grete Waitz prominente Nachfolgerin der Deutschen.

In den nächsten Jahren gab es wieder aus-schließlich deutsche Sieger: Berlins Langstrecken-Seriengewinner Ingo Sensburg triumphierte 1979 und ‘80 in 2:21:09 beziehungsweise starken 2:16:48. Er ist damit bis heute der einzige Mann, der den BERLIN-MARATHON dreimal gewann. Bei den Frauen in den 70er Jahren gab es zwei, die zweimal siegten: Ursula Blaschke war 1978 in 2:57:09 Stunden vorne, Jutta von Haase lief 1979 nach 3:07:06,6 ins Ziel.

Zwei Sieger aus der frühen Geschichte des BERLIN-MARATHON sind noch nicht erwähnt: 1978 gewann Michael Spöttel (LG Verden/2:20:02,6), und beim letzten Lauf am Grunewald siegte 1980 neben Ingo Sensburg auch Gerlinde Püttmann (LAZ Hamm/2:47:18). An diesem 28. September 1980 zeichnete sich bereits ab, dass der BERLIN-MARATHON auf dem Weg war in die City – auf dem Weg also in eine neue Ära.

Quelle: Jubiläumsschrift zum 30. BERLIN-MARATHON - Jörg Wenig und Horst Milde

http://www.germanroadraces.de/24-0-7016 ... html?npi=1
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35 Jahre BERLIN-MARATHON - Eine Bewegung aus dem Grunewald

Beitragvon Hübi » 18.09.2008, 22:31

35 Jahre BERLIN-MARATHON - Berlin etabliert sich in der Welt des Laufsports - Eine Bewegung aus dem Grunewald - Vom BERLINER VOLKSMARATHON zur World Marathon Majors - Geschichten und Anekdoten - Jörg Wenig und Horst Milde berichten - Folge II

Eigentlich galt 1987, als zum ersten Mal über 15.000 Läufer starteten und der Lauf nicht mehr vor dem Reichstag, sondern vor dem Brandenburger Tor begann

BERLIN-MARATHON 1981 - Vom Grunewald in die City - Die Ausschreibung mit dem Bild von Frank Shorter, OLympiasieger im Marathon 1972 - und der Kaiser-Wilhelm-Gedächniskirche ©Sportmuseum Berlin - AIMS Marathon-Museum of Running
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Es war ein Neuanfang, so ähnlich wie sieben Jahre zuvor 1974. „Dort drüben sitzt ein Verrückter – der will durch die Stadt rennen.“ Wieder war es also da, das Wort ,Verrückter’. Einst hatten sich Passanten im Grunewald über die Marathonläufer gewundert, nun wollte die Verkehrspolizei nicht wahrhaben, dass für die Sportler der Autoverkehr warten sollte. Doch es war eines der letzten Male, dass die Organisatoren des BERLIN-MARATHON diese Bezeichnung in einer derartigen Runde hinnehmen mussten.

An jenem 21. Juli 1980 wurde einer der ersten, entscheidenden Schritte zur neuen Ära des Rennens getan. Mit dem Satz über die Verrückten wurde Cheforganisator Horst Milde vom Verwaltungsdirektor des Reichstages, Hans-Jürgen Heß, dem Polizeipräsidenten von Berlin, Klaus Hübner, vorgestellt.
Doch für die Läufer war es nicht fünf vor zwölf. Denn schon in den Monaten zuvor wurden Vorgespräche geführt, um den ersten Berliner City-Lauf für Breitensportler zu realisieren. Es waren die französischen Alliierten, die die Idee eines solchen Rennens als erste umsetzten. Ein erster Schriftverkehr bezüglich dieser Planungen datiert bereits vom 19. Dezember 1979. Damals planten die Franzosen (Colonel Jaques Bride) für den 19. April 1980 einen Lauf über 22 km, der aber nie zustande kam.

Doch die Franzosen hatten ihr Projekt nicht aufgegeben. Und mit alliiertem Recht im Rücken hatten die Schutzmächte in West-Berlin alle Möglichkeiten, ihre Pläne umzusetzen. So fand ein erstes Gespräch zwischen den Franzosen und dem Landessportbund Berlin (LSB) wegen der ,25 km de Berlin’ am 9. Mai 1980 statt – fast genau ein Jahr vor der Premiere des Rennens. Dabei beanspruchten die Franzosen zunächst ein gewisses Exklusivrecht für den Langstreckenlauf – es sollte keine direkten Konkurrenzveranstaltungen einige Zeit vor und nach den ,25 km de Berlin’ geben. Und außerdem sollte der Marathon im Herbst nicht mehr stattfinden.

Doch dazu kam es nicht, denn gewisse Ängste der Franzosen erwiesen sich schnell als unbegründet. Nach einigen Jahren merkte man sogar, dass der Marathon und der 25-km-Lauf voneinander profitierten. Die Zusammenarbeit war eine sehr enge, die Franzosen profitierten von der Erfahrung des SCC Berlin als Laufveranstalter. Bis sich die Franzosen nach dem Fall der Mauer 1991 zurückzogen und der Berliner Leichtathletik-Verband (BLV) die ,25 km von Berlin’ weiterführte, arbeiteten eine Reihe von Organisatoren vom BERLIN-MARATHON maßgeblich mit bei den ,25 km de Berlin’.

Im Organisationsteam der 25 km de Berlin saß auch Horst Milde als Volkslaufwart des BLV, insofern war ihm klar dass es 1981 mit den ,25 km de Berlin’ zum ersten Mal einen großen Straßenlauf durch die City geben würde, aber der Marathon verlief immer noch im Grunewald. Und so setzte er alle Hebel in Bewegung, um dieses Recht auch für den Marathon zu bekommen.

So gab es am 11. Juli 1980 ein Treffen mit dem Chef des Reichstages, Dr. Hans-Jürgen Heß, der ihm dabei half. half. Aus diesem Treffen resultierte schließlich auch der Termin beim Polizeipräsidenten an jenem 21. Juli. Und trotz der Vorstellung der ,Verrückten’, verlief dieses Gespräch vielversprechend: „Die Polizei hat keine Einwände, wenn die Politik dahintersteht“, wurde ihm schließlich gesagt.

Während es beim Berliner Senat gegen das Rennen keine Einwände gab, war es für die Polizei aber am Anfang nicht so einfach, die Straßen tatsächlich für Läufer sperren zu müssen. „Die Straßen sind für die Autos da“, wurde den Marathon-Veranstaltern noch bei dem zweiten Treffen mit der Polizeispitze am 15. September 1980 gesagt. Horst Milde und sein Expertenteam hatten bereits eine erste mögliche Streckenführung entworfen, in der der Kurfürstendamm die zentrale Rolle spielte. Ein anderer Streckenabschnitt war ebenfalls ein Knackpunkt: der Checkpoint Charlie. Der Marathonkurs sollte auch an dem von den Amerikanern kontrollierten Grenzübergang nach Ost-Berlin vorbeiführen. Für die Polizei war diese Route jedoch tabu.

Doch statt eine alternative Streckenführung auszuarbeiten, wandten sich Milde an den Chef der Politischen Abteilung der US-Mission, John Kornblum, dem späteren US-Botschafter. Nur fünf Tage nachdem der Amerikaner während eines Abendessens von den Marathon-Plänen unterrichtet worden war, erhielten die Veranstalter am 6. Mai 1981 um 21 Uhr Grünes Licht von Kornblum: Bei Lücken im Läuferfeld könne der Grenzübergang trotzdem passiert werden, ein US-Offizier stehe während des Laufes dafür bereit.

So konnte Cheforganisator Horst Milde mit den Amerikanern im Rücken am nächsten Morgen den ungläubigen Verkehrspolizisten mitteilen: Die Strecke wird nicht verändert. „1981 bat mich Horst Milde um Hilfe, damit der Marathon am Checkpoint Charlie vorbeiführen konnte. Die Konfrontation von Kommunismus und Demokratie machte sich sogar bei der Routenplanung des BERLIN-MARATHON bemerkbar. Aber wir waren damals erfolgreich gegen alle Widerstände, so dass die Marathonroute über die geplante Strecke führen konnte. Es war ein kleines Beispiel von vielen, wie Deutsche und Amerikaner zusammen pragmatische Lösungen erreichen können“, erinnerte sich John Kornblum Jahre später – inzwischen war er US-Botschafter in Bonn – an diese Situation.

Neben den Franzosen und den Amerikanern hatte auch die dritte westliche Schutzmacht einen großen Anteil daran, dass der erste City-Marathon erfolgreich umgesetzt wurde. Die Briten prägten den BERLIN-MARATHON während der 80er Jahre wie keine andere ausländische Nation. Vier Athleten aus dem laufbegeisterten Großbritannien gewannen das Rennen zwischen 1981 und ‘85, Jahr für Jahr kamen die meisten ausländischen Teilnehmer von der Insel. Dafür hatte zunächst vor allen der britische Sportoffizier Major Vic Freeman gesorgt, der den Organisatoren Listen mit Anschriften sämtlicher britischer Militärs in Deutschland für eine Werbesendung zur Verfügung gestellt hatte.

Es sollte allerdings noch dauern, bis das Gros der Berliner wusste, was das für eine Veranstaltung war, die die halbe Stadt am ,Autofreien Sonntag’ lahm legte. Am Hotel Steigenberger fand sich 1981 vor der Nudelparty am Sonnabend der kuriose Hinweis: „… ist unser Parkplatz von 10 – 19 Uhr gesperrt. Dort findet der große Nudellauf statt. Wir erwarten 2000 bis 3000 Personen zum Nudelessen vor dem Hotel.“

Ein Nudellauf war der BERLIN-MARATHON nun wahrlich nie. Und rund 250.000 Zuschauer wurden damals am Tag darauf Zeuge eines großen Erfolges des ersten Rennen durch die Stadt, das am 27. September 1981 vor dem Reichstag gestartet worden war. 3.486 Läufer aus 30 Nationen hatten sich angemeldet, 2.583 erreichten das Ziel. Und damit wurde der BERLIN-MARATHON zum größten deutschen City-Rennen. Im Frühjahr hatte es in Frankfurt zum ersten Mal in Deutschland einen Stadtmarathon für Breitensportler gegeben, an dem sich rund 3.000 Teilnehmer beteiligt hatten.

Als Sieger in Berlin lief kurz vor der Gedächtniskirche der Engländer Ian Ray in 2:15:41,8 Stunden ins Ziel. Er verdiente sich die erste Siegprämie beim BERLIN-MARATHON, die damals 1000 DM betrug. Die Briten belegten die ersten drei Plätze in diesem Rennen, und fünf von ihnen kamen unter die ersten zehn. Für einen deutschen Sieg sorgte 1981 Angelika Stephan (LG Kassel), die 2:47:23,5 Stunden lief. Auf Rang drei folgte mit Liane Winter (VfL Wolfsburg/ 2:53:56,0) eine weitere deutsche Läuferin. Die knapp 40-Jährige hatte in ihrer Glanzzeit sogar den Boston-Marathon gewonnen. 278 Läufer blieben damals unter 3:00 Stunden, 1684 liefen schneller als vier Stunden, der letzte kam nach 5:25:00,3 Stunden ins Ziel. In den nächsten Jahren sollte es eine deutliche Qualitätssteigerung auch bei den Breitensportlern geben.

An Siegerzeiten wie die des ersten Rollstuhlfahrers, Georg Freund (Österreich), der in 2:08:44 gewann, war damals bei den Läufern freilich noch nicht zu denken. Die behinderten Sportler wurden von Anfang an in das City-Rennen integriert. Das war damals bei den großen internationalen Marathonläufen noch längst nicht selbstverständlich. Und es sprach sich bei den Rollstuhlfahrern herum. Bald sah der BERLIN-MARATHON ebenso große wie hochklassig besetzte Rennen der ,Rollis’ mit teilweise über 100 Startern. Zum herausragenden Athleten wurde dabei der Schweizer Heinz Frei. Der Streckenrekordler (1:21:39 Stunden) stellte mehrere Weltbestzeiten in Berlin auf und gewann das Rennen im Jahr 2002 bereits zum 15. Mal und zum zwölften Mal in Folge.

Die City-Marathon-Premiere in Berlin war übrigens sogar ein großer Erfolg für die Polizei, die alles bestens im Griff hatte. Noch einige Monate zuvor hatte sich derleitende Beamte zusammen mit Milde den Stockholm-Marathon angesehen, um Erfahrungen zu sammeln. Manches klappte daraufhin in Berlin sogar besser. Die Polizisten hatten in Schweden zum Beispiel beobachtet, wie ein Bus die Strecke queren durfte, obwohl die Lücke im Läuferfeld zu klein war. Einige Athleten mussten stehen bleiben.

In den nächsten Jahren arbeiteten die Organisatoren daran, den Service für die Läufer zu verbessern. Vorbild waren dabei vor allen Dingen der New-York-City- aber auch der London-Marathon. Ein Service, der bis heute ziemlich einzigartig ist unter den großen Marathonläufen, hatte in Berlin schon 1982 Premiere. Unmittelbar hinter dem Ziel wurden Zelte mit heißen Duschen auf der Straße aufgestellt.

Dieses Mal durfte auch durch Kreuzberg gelaufen werden – und der Streckenabschnitt gehört bis heute zu den stimmungsvollsten. Außerdem wurde 1982 erstmals durch Moabit gelaufen, so dass der lange Schlussbogen den Läufern erspart blieb. Diese Strecke war ebenso attraktiv wie flach und gehörte somit zu den vermeintlich schnellsten Kursen der Welt. „Berlin hat eine Strecke, auf der 2:08 Stunden gelaufen werden können“, urteilte ein paar Jahre später der Londoner Streckenvermesser der Association of International Marathons and Road Races (AIMS), John Disley. Es sollte allerdings noch etliche Jahre dauern, bis John Disley, der heute noch die Berliner veranstaltung besucht, bestätigt wurde.

Nach einem begeisternden Zweikampf zwischen Domingo Tibaduiza und Eberhard Weyel (Wattenscheid) erzielte der Kolumbianer 1982 in 2:14:46 die erste Zeit unter 2:15 Stunden in Berlin. Während bei den Männern wiederum fünf Briten unter die Top Ten liefen, siegte bei den Frauen Jean Lochead (Großbritannien) in 2:47:04. Noch war es der Frankfurt-Marathon, der in Deutschland die besten Marathon-Resultate produzierte, doch das sollte sich in den nächsten Jahren ändern. „Die Laufbewegung ist unaufhaltsam“, schrieb der Journalist Wilfried Raatz nach dem BERLIN-MARATHON 1982 mit 4.686 Teilnehmern und über 300.000 Zuschauern.

Im Jahr des zweiten Rennens durch die Berliner City hatte der BERLIN-MARATHON zu den Gründungsmitgliedern der Association of International Marathons and Road Races (AIMS) gehört. Dazu passte, dass das Rennen 1983 mit drei in der Welt des Laufsports sehr prominenten Startern Akzente setzte. Die Organisatoren der beiden größten und spektakulärsten Marathonläufe, der Londoner Chris Brasher und der New Yorker Fred Lebow, liefen in Berlin. Und zudem war es erstmals gelungen, mit Karel Lismont einen zur Weltklasse zählenden Athleten am Start zu haben.

Der damals 34-jährige Belgier, der bereits zwei olympische und drei Medaillen bei Europameisterschaften gewonnen hatte, siegte nach einem taktisch klugen Lauf in der Streckenrekordzeit von 2:13:37 Stunden. Mit Karen Goldhawk gewann wiederum eine Britin, dieses Mal in der Kursrekordzeit von 2:40:32. Der allgemeine Laufboom aber auch die Popularität des BERLIN-MARATHON ließen die Starterzahlen in ungeahnte Dimensionen steigen. 6.270 Teilnehmer liefen 1983, doch schon zwei Jahre später sollten es fast doppelt so viele sein.

Seit 1978 sind es hauptsächlich die Olympiasieger, die auf den Medaillen und den Urkunden abgebildet sind. Nachdem die Veranstalter einige Wochen nach dem Rennen 1983 alle Ergebnislisten verschickt hatten, kam plötzlich ein Brief aus Italien zurück. Roberto Baradi hatte seine Urkunde mit einem Vermerk zurückgegeben: „Das bin ich nicht!“ Baradi hatte außerdem ein Passfoto an das Zertifikat geheftet und hinzugefügt: „Das bin ich!“ Der Italiener hatte die Idee der Veranstalter nicht verstanden. In jenem Jahr war der Olympiasieger von Melbourne 1956 abgebildet, der Franzose Alain Mimoun.

1984 waren bereits 8.834 Läufer gemeldet. Trotz starker Regenfälle säumten rund 350.000 Zuschauer die Strecke. Und wiederum fielen beide Kursrekorde: Die Ungarin Agnes Sipka sorgte mit 2:39:32 für die erste Frauenzeit unter 2:40 Stunden, und John Skovbjerg, der sich auf den letzten Kilometern vom deutschen Hoffnungsträger Wolfgang Krüger löste, lief 2:13:35. Doch um den dänischen Sieger gab es anschließend noch einige Aufregung. Skovbjerg hatte seine Startnummer abgeknickt, so dass eine Sponsorenaufschrift nicht mehr zu lesen war.

Als Cheforganisator Horst Milde am nächsten Morgen Radio hörte, wurde er selbst von der voreiligen Meldung der vermeintlichen Disqualifikation Skovbergs überrascht. Auch Milde sorgte dann dafür, dass es dazu nicht kam. Allerdings wurde dem Dänen die Siegprämie, die inzwischen auf 10.000 DM erhöht worden war, gekürzt. Erstmals war 1984 der Sender Freies Berlin (SFB) mit seinem Hörfunkprogramm über sieben Stunden hinweg live bei dem Rennen dabei. Die ,Marathonwelle’ lief von 6 bis 13 Uhr im Radio.

Während John Skovberg nur die Startnummer abgeknickt hatte, mussten sich die Organisatoren inzwischen mit einer Reihe von echten Betrugsversuchen auseinandersetzen. Einige Läufer kamen zwar ins Ziel auf dem Kurfürstendamm, waren aber gar nicht 42,195 Kilometer gelaufen. Das beliebteste Mittel, um die Strecke abzukürzen, ist seit der Entstehung des City-Marathons die U-Bahn. So fuhr man beispielsweise von den Kilometerpunkten 20 oder 25 direkt bis Kilometer 40, was für manche sehr praktisch war. Aber auch ein bereitgestelltes Fahrrad half schon dem einen oder anderen. Es gibt einige wenige Läufer, die es immer wieder mit dem Abkürzen versuchten.

Seit jedoch das Chip-Zeitmess-System eingeführt wurde, das auch die 5-km-Zwischenzeiten registriert, haben Schummler schlechte Karten, obwohl es ein paar trotzdem noch versuchen. Wahrscheinlich wissen sie nichts davon, dass ihre Zeiten mittels des Chips, der am Schnürsenkel befestigt werden muss, an mehreren Stellen auf der Strecke gespeichert werden.

Vor dieser technischen Neuerung war einer der extremsten Betrugsfälle 1984 passiert. Damals gab es für die schnellsten Berliner Läufer noch eine Bezirkswertung. Der schnellste Kreuzberger war ein 16-jähriger Junge, der fast den deutschen Rekord erreicht hatte – angesichts der Spitzenzeit flog der Schwindel jedoch sofort auf.

„Der BERLIN-MARATHON ist aufgestiegen zur Nummer fünf der Welt.“ Dieses Lob kam nach dem Lauf 1985 vom London-Marathon-Chef Chris Brasher. Dafür gab es mehrere Gründe: 11.814 Läufer aus 58 Nationen waren gemeldet, 9.840 erreichten das Ziel. Zum ersten Mal war damit die 10.000er-Marke überschritten worden. Anfragen nach Meldeformularen erhielt das Marathonbüro, das seit 1981 mit einer hauptamtlichen Kraft besetzt war, in dieser Zeit beispielsweise auch aus Trinidad oder von den Falkland Inseln.

Herumgesprochen hatte sich, dass der BERLIN-MARATHON seinen Startern neben einem damals von rund 2.300 ehrenamtlichen Helfern perfekt organisierten Rennen auch ein breites Rahmenprogramm bietet.
Zum ersten Mal gab es 1985 neben der Non-Stop-Berichterstattung des SFB im Radio auch eine 75-minütige TV-Sondersendung im ersten deutschen Programm. Es war das erste Mal, dass die ARD einem Marathon eine Sondersendung widmete.

Über 400.000 Zuschauer wurden zudem Zeuge von einem weiteren deutlichen Leistungsschub in der Spitze. Endlich wurden international beachtenswerte Zeiten gelaufen. Nachdem der Luxemburger Justin Gloden, von Muskelproblemen geplagt, sogar Geh- und Massagepausen einlegen musste, war nach 25 km der Weg frei für James Ashworth. Der Brite siegte in 2:11:43 Stunden und sagte hinterher: „Diese Strecke ist besser als die in London – hier sind Zeiten von weit unter 2:10 Stunden möglich.“ Er sollte Recht behalten. Bei den Frauen lief die Belgierin Magda Ilands 2:34:10 und verbesserte damit den Streckenrekord um über fünf Minuten. 25 Läufer waren an diesem Tag unter 2:20 gelaufen, 118 unter 2:30 und sogar 1.758 unter 3:00 Stunden.

Alle Teilnehmer kamen 1985 in den Genuss eines neuen Services: Nur einen Tag nach dem Lauf wurden Postkarten abgeschickt, auf denen neben dem noch inoffiziellen Ergebnis auch die jeweilige Durchschnittsgeschwindigkeit angegeben war. Die beim BERLIN-MARATHON in allen Belangen ausgezeichneten Voraussetzungen für Breiten- und Spitzensportler sprachen sich immer weiter herum. So ist es zu erklären, dass der Aufwärtstrend anhielt. 1986 wurden bereits 13.662 Läufer gezählt, und wieder gab es zwei neue Streckenrekorde. Dabei verpasste Boguslaw Psujek lediglich um vier Sekunden eine internationale Klassezeit von unter 2:11 Stunden. Der Pole, der einige Jahre später bei einem tragischen Unfall ums Leben kam, lief damals 2:11:03.

Nach Verletzungsproblemen war die damalige bundesdeutsche Rekordhalterin Charlotte Teske (ASC Darmstadt) froh, das Rennen in 2:32:10 gewonnen zu haben. Getrübt wurde die Stimmung allerdings durch einen Todesfall, den ersten beim BERLIN-MARATHON. Ein Läufer brach kurz vor dem Ziel zusammen und konnte trotz sofortiger ärztlicher Hilfe nicht mehr gerettet werden. Er hatte sich den Anweisungen seines Arztes widersetzt.

In der damaligen Zeit erhielt der BERLIN-MARATHON auch immer mehr Unterstützung von den Zuschauern. Das ging in Dahlem sogar so weit, dass der in der Freien Universität Medizin lehrende Professor Hierholzer den Läufern Erfrischungen zur Verfügung stellte und die Benutzung seiner Toilette anbot. Die Strecke führte damals an seinem Haus in der Pacelliallee vorbei, wo er ein Schild mit dem Hinweis „Toilette“ angebracht hatte.

Doch es gab auch manches Problem, das teilweise ganz plötzlich auftrat. Mitte der 80er Jahre wurden an der Entlastungslastraße vor dem Reichstag im Zwei-Meter-Abstand Poller in den Boden versenkt, um Falschparker zu stoppen. Doch unmittelbar nach dem Start hätten diese Poller genau im Weg der Marathonläufer gestanden und eine erhebliche Verletzungsgefahr bedeutet. Auf Drängen der Organisatoren vom SCC wurden die Poller schließlich gerade noch rechtzeitig vor dem Rennen gegen herausschraubbare Poller ausgetauscht.

Einige Jahre später entdeckten die Veranstalter eine Woche vor dem BERLIN-MARaTHON, dass die Garystraße in Dahlem in einem Abschnitt plötzlich komplett gesperrt worden war. Kurz vor Kilometer 32 stand ein großer Baukran. Extra für den BERLIN-MARATHON musste die Baustelle wieder abgebaut werden.

Die Jahre von 1987 bis 1989 gehörten dann den Läufern aus Tansania. Sie stellten die ers-ten afrikanischen Sie- ger beim BERLIN-MARATHON. Und für diesen ,Hattrick’ sorgten Läufer einer Trainingsgruppe, die in der deutschen Laufszene durchaus bekannt waren. Denn sowohl der als Spaßvogel bekannte Suleiman Nyambui, der 1987 und ‘88 gewann, als auch Alfredo Shahanga trainierten und lebten zeitweise bei ihrem deutschen Manager Volker Wagner in Detmold. Suleiman Nyambui war nicht nur der erste einer inzwischen ganzen Reihe von prominenten Siegern aus Afrika in Berlin.

Er war auch der erste Athlet, den Volker Wagner, der im Laufe der Jahre ein erfolgreicher Manager im internationalen Laufsport wurde und beim BERLIN-MARATHON diverse Erfolge feierte, betreute. Wagner kannte Nyambui, weil er einst für ihn bei einem 1500-m-Lauf Tempo gemacht hatte. „Später traf ich ihn wieder und schlug ihm dann 1987 vor, nach Deutschland zu kommen, um hier mit Starts bei Straßenläufen Geld zu verdienen“, erzählt Volker Wagner. So kam Suleiman Nyambui zum BERLIN-MARATHON 1987.

Eigentlich galt 1987, als zum ersten Mal über 15.000 Läufer starteten und der Lauf nicht mehr vor dem Reichstag, sondern vor dem Brandenburger Tor begann, ein deutscher Starter als Hoffnungsträger. Doch Christoph Herle (Waldkraiburg), der bundesdeutsche Rekordhalter mit 2:09:23 Stunden, gab bei Kilometer 33 auf. Suleiman Nyambui, der 5000-m-Olympiazweite von Moskau 1984, gewann schließlich in persönlicher Bestzeit von 2:11:11 und verfehlte den Streckenrekord nur um acht Sekunden.

Nachdem Charlotte Teske auf ihren Start verzichtet hatte, feierte eine Berlinerin 1987 einen Triumph: Kerstin Preßler (Neuköllner SF), die in der Sommersaison bereits einen bundesdeutschen 10.000-m-Rekord aufgestellt hatte, lief mit 2:31:22 Stunden einen Streckenrekord. Zweite war damals übrigens die Polin Wanda Panfil (2:32:01), die später zur zeitweise besten Marathonläuferin der Welt aufsteigen sollte. Gleich zwölf Frauen blieben 1987 unter 2:40 Stunden.

Für eine weitere Spitzenleistung sorgte der Franzose Taieb Tounsi, der mit 2:17:40 eine Weltbestzeit für Gehörlose aufstellte. Angefeuert wurden er und alle anderen Teilnehmer übrigens nicht nur von den Zuschauern. Die Veranstalter hatten neben einem perfekten Ablauf auch für zusätzliche Stimmung gesorgt: Über 30 Musikkapellen wurden an der Strecke postiert.

Eine Kuriosität hatte sich acht Tage vor dem BERLIN-MARATHON 1987 ereignet. Die Verwaltung des Olympiastadions teilte den Organisatoren mit, dass 3000 Brötchen geliefert worden waren. Die Brotfabrik hatte versehentlich eine Woche zu früh die Verpflegung für den Frühstückslauf gebacken, der damals wie heute vom Schloss Charlottenburg zum Olympiastadion führte. Schließlich profitierte der Zoo: Die Brötchen wurden dort an die Tiere verfüttert.

Auch ein Jahr später gab es Kontakte zum Zoo. Dieses Mal allerdings beschwerte sich der Zoo-Vorstand in einem Brief, weil die Musik der Nudelparty auf dem angrenzenden Gebiet zu laut gewesen sein soll: „… durch zu laute Musik gerieten unsere Antilopen in Panik …“. Es gab noch ein zweites Mal Grund zur Panik: Auf der Strecke war plötzlich eine große Baugrube entstanden. Doch der gute Kontakt der Organisatoren zu den Tiefbauämtern der Bezirke sollte sich auch dieses Mal bewähren. Einen Tag vor dem Start wurde die Grube zugeschüttet und asphaltiert – einen Tag nach dem Rennen wurde die Straße wieder aufgerissen.

So war es nur das Wetter, das der Veranstaltung einen Streich spielte. Doch trotz des Dauerregens und Windes gab es mit 16.116 Läufern wiederum einen Teilnehmerrekord. Die schlechte Witterung war 1988 allerdings ein Grund dafür, dass Suleiman Nyambui den angepeilten Streckenrekord wiederum verpasste. Nachdem er lange Zeit alleine Tempo hatte machen müssen, lief er achtbare 2:11:45 Stunden gegen sehr starke Konkurrenz. Nyambui, der heute als Trainer in Tansania arbeitet und auch schon eigene Athleten beim BERLIN-MARATHON an den Start brachte, ist bis heute der einzige Läufer, der seit Bestehen des City-Marathons 1981 zweimal in Folge gewann.

Erstmals waren 1988 übrigens äthiopische Läufer dabei. Sie wurden betreut vom Marathon-Olympiasieger von 1968, Mamo Wolde. Ob- wohl die Äthiopier sehr kurzfristig angereist waren, hatten sie prompt Erfolg: Der fünftplazierte Tesfayi Dada stellte mit 2:12:49 eine Junioren-Weltbestleistung auf. Die erste Zeit unter 2:30 Stunden lief bei den Frauen die Polin Renata Kokowska, die neben der damaligen 15.000-DM-Siegprämie noch 5000 DM für den Streckenrekord von 2:29:16 erhielt. Es war die erste Frauen-Zeit unter 2:30 Stunden in Berlin. Und damals hatte eine solche Zeit durchaus noch einen guten internationalen Wert. Für Renata Kokowska war es der Anfang einer großartigen Erfolgsserie beim BERLIN-MARATHON.

Zweimal hatte Suleiman Nyambui nunmehr also den Streckenrekord, der klar im Bereich seines Leistungsvermögens lag, verpasst. Beim dritten Anlauf sollte es endlich klappen. Doch der Tansanier kam 1989 gar nicht erst dazu, den ,Hattrick’ in Angriff zu nehmen. Eines seiner Kinder erkrankte – und so weilte Suleiman Nyambui in seinem Heimatdorf, als in Berlin 16.410 Läufer aus 60 Nationen an den Start gingen. Nyambui wurde allerdings bestens vertreten. Sein Landsmann und zeitweiliger Trainingspartner Alfredo Shahanga stellte einen neuen Streckenrekord auf und lief die erhoffte erste Zeit unter 2:11 Stunden.

Spätestens mit diesem Rennen 1989 war der BERLIN-MARATHON, der mit dem Kreditkartenunternehmen Visa einen Hauptsponsor hatte, nicht mehr nur der größte und spektakulärste, sondern auch der hochklassigste deutsche Straßenlauf. Bei den Frauen fiel auch der Streckenrekord, was in Berlin inzwischen schon Tradition hatte: Die Finnin Päivi Tikkanen erreichte mit 2:28:45 eine international hochklassige Zeit.

Eine Premiere hatte 1989 der MINI-MARATHON der Schüler. 758 Kinder und Jugendliche liefen jeweils in Zehner-Mannschaften die letzten 4,2195 km der Originalstrecke vom AEG-Gebäude am Hohenzollerndamm bis ins Ziel auf dem Kurfürstendamm.Dieser Lauf für Jugendliche ist selbst eine Erfolgsgeschichte eigener Art. Es ist die grösste Eintragesveranstaltung für Jugendliche in Deutschland mit bis zu über 10.000 Teilnehmern - und damit auch ein grosses Vorbild für andere Veranstalter gerworden, daß Jugendliche durchaus für die Leichathletik und den Laufsport zu begeistern sind.

Dass für den BERLIN-MARATHON schon im nächsten Jahr durch den Fall der Berliner Mauer ein neues Zeitalter beginnen sollte, war am 1. Oktober 1989 nicht voraus zu sehen. Für all jene, die in den 80er Jahren zu den Teilnehmern des Rennens gehörten, wird es unvorstellbar gewesen sein, eines Tages auch durch den anderen Teil Berlins laufen zu können.

Unbewusste Symbolkraft zeigten jene Fotos, auf denen Läufer vor dem Start eines BERLIN-MARATHON bei der Gymnastik zu sehen sind: sie lehnten beziehungsweise stützten sich dabei an die Berliner Mauer, die neun Jahre lang einer der markantesten Streckenpunkte gewesen ist.

Auf der anderen Seite war es für viele Läufer im Osten ein Traum, einmal beim BERLIN-MARATHON teilnehmen zu können. In grenznahen Gebieten verfolgten sie das Geschen bei dem Laufspektakel über den SFB im Radio. Doch es gab auch einige, für die sich der Traum eines Starts beim BERLIN-MARATHON schon damals erfüllte. Pensionäre oder Läufer, die das Glück hatten, eine Ausreisegenehmigung für einen Verwandtenbesuch in der Bundesrepublik zu erhalten, mischten sich heimlich bereits seit 1982 unter die Starter in West-Berlin.

Die Organisatoren wussten schon damals von den Läufern aus dem anderen Teil Deutschlands, doch es wäre zu gefährlich für die Sportler gewesen, sie offiziell zu begrüßen – hätte der Staatssicherheitsdienst der DDR davon Wind bekommen, hätten die Läufer mit Repressalien rechnen müssen. So blieben derartige Starts meist ganz geheim. Ein Läufer aus Thüringen startete zunächst unter dem Namen seiner Katze, um nicht erkannt zu werden. Später wurde daraus dann der Name seines Hundes und auch der seines Heimatdorfes.
Auch ein anderes Kuriosum beweist den hohen Stellenwert, den der BERLIN-MARATHON schon zu Mauerzeiten in der DDR hatte:

So versuchten viele, auf den Ost-Berliner Fernsehturm zu gelangen, um von dort aus den Start des Laufes hinter dem Brandenburger Tor zu verfolgen. In den Jahren 1988 und ‘89, so haben die Organisatoren später erfahren, musste der Turm daraufhin wegen Überfüllung sogar geschlossen werden.

Quelle: Jubiläumsschrift zum 30. BERLIN-MARATHON - Jörg Wenig und Horst Milde

http://www.germanroadraces.de/24-0-7027 ... -sich.html
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35 Jahre BERLIN-MARATHON - Eine Bewegung aus dem Grunewald

Beitragvon Hübi » 20.09.2008, 12:25

35 Jahre BERLIN-MARATHON - Der Lauf in neue Dimensionen - Eine Bewegung aus dem Grunewald in die City - Vom BERLINER VOLKSMARATHON zur World Marathon Majors - Geschichten und Anekdoten - Jörg Wenig und Horst Milde berichten - Folge III

Noch am gleichen Abend traf man sich privat bei Milde und gründete zusammen mit Roland Winkler (Berlin–Ost), Dr. Detlef Dalk (Frankfurt a. d. Oder) und Gerd Engel (Stendal) die „Initiativgruppe BERLIN-MARATHON“ mit dem Ziel den 17. BERLIN-MARATHON am 30. November 1990 durch das Brandenburger Tor zu führen.

Der Lauf in neue Dimensionen 1990 - Beim ersten Lauf durch das Brandenburger Tor - ohne Quadriga - ein sportliches Weltereignis ©Sportmuseum Berlin - AIMS Marathon-Museum of Running
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Der Fall der Mauer war gleichbedeutend mit dem Aufstieg des BERLIN-MARATHON in die Eliteklasse der internationalen Straßenläufe. Nur einen Tag nach der Wende, also am 10. November 1989, klingelte bei Cheforganisator Horst Milde das Telefon. Michael Coleman, Sportredakteur bei der Londoner Times und ein engagierter Förderer des BERLIN-MARATHON, redete auf einen damals noch sehr skeptischen Horst Milde ein:

„Der BERLIN-MARATHON wird der Lauf des Jahres – aber er muss 1990 durch das Brandenburger Tor führen.“ Heinz Schild, Radiosprecher beim Schweizer Rundfunk und gleichzeitig auch Laufveranstalter (Die 10 Meilen von Bern) schaltete ebenfalls am 10. November ein Live-Interview zur besten Sendezeit, um schon auf den den BERLIN-MARATHON 1990 durch Ost- und West-Berlin einzugehen.

Nur zwei Tage später – am 12.11.1989 veranstaltete der SC Charlottenburg seinen traditionsreichen 26. Berliner Cross-Countrylauf am Teufelsberg – und bei dem Rennen starteten bereits die ersten Läufer aus der DDR. Noch am gleichen Abend traf man sich privat bei Milde und gründete zusammen mit Roland Winkler (Berlin –Ost), Dr. Detlef Dalk (Frankfurt a. d. Oder) und Gerd Engel (Stendal) die „Initiativgruppe BERLIN-MARATHON“ mit dem Ziel den 17. BERLIN-MARATHON am 30. November 1990 durch das Brandenburger Tor zu führen.

Gründung der "Initiativgruppe Berlin-MARATHON"

Es gingen sofort die entsprechenden Schreiben an den Oberbürgermeister Erhard Krack (Berlin – Hauptstadt der DDR) und an den Regierenden Bürgermeister von Berlin Walter Momper den 17. BERLIN-MARATHON durch beide Teile Berlin zu führen und als „Aufgalopp für unsere Initiative schlagen wir vor, einen unserem Erneuerungsprozeß entsprechenden Neujahrslauf am 1.01.1990 zu organisieren, der durch beide Teile unserer Stadt führen sollte.“

Fortan arbeiteten die Organisatoren an der Realisierung ihres Traums: Dem Marathon durch das Brandenburger Tor.
Den ersten Lauf am Tor gab es allerdings bereits knapp neun Monate vor dem BERLIN-MARATHON – und es wurde ein einmaliges Ereignis. Am 1. Januar 1990 veranstaltete man den Neujahrslauf. Die Strecke führte seitlich des Brandenburger Tores durch die aufgebrochene Mauer und mit einem Schlenker zurück dann aber durch das Tor, über 20.000 Läufer beteiligten sich, und die DDR-Volkspolizisten klatschten unter den Augen des damaligen Präsidenten des Internationalen Leichtathletik-Verbandes (IAAF), Primo Nebiolo, Beifall.
Am 30. September 1990 wurde schließlich ein Traum wahr für viele Läufer in Ost und West.

Die Strecke des BERLIN-MARATHON führte 16 Jahre nach der Premiere des Rennens durch das Brandenburger Tor und somit durch beide Stadthälften. Drei Tage vor der deutschen Wiedervereinigung fand die sportliche Vereinigung von Ost und West in atemberaubender Weise auf den Straßen der künftigen Hauptstadt statt.
Nachdem alle bürokratischen Hürden genommen waren – die Veranstalter mussten auch mit dem Ost-Berliner Magistrat verhandeln –, wurde schnell klar, dass der BERLIN-MARATHON auf dem Weg war, zu seinen Vorbildern von New York und London aufzuschließen. Plötzlich hatte der BERLIN-MARATHON annähernd die Dimensionen dieser beiden Läufe erreicht.

25.000 Teilnehmer - Drei Tage vor der Wiedervereinigung

Überschwemmt von Meldungen aus aller Welt wurde das Berliner Marathonbüro. Und im Starterfeld, das auf 25.000 Teilnehmer limitiert worden war und ausgeschöpft wurde, waren schließlich auch eine Reihe von Athleten, die zur Weltspitze gehörten. Das Interesse am BERLIN-MARATHON war nun auch bei den Topläufern so groß wie nie zuvor, was natürlich damit zu tun hatte, dass der Lauf nun finanziell deutlich attraktiver war als zuvor. 1990 hatte das Rennen den damaligen Rekordetat von rund vier Millionen DM, was auch mit dem japanischen Hauptsponsor (YANASE) zu tun hatte.

Die Japaner hatten so großes Interesse an der Veranstaltung, dass der Lauf dort live im Fernsehen übertragen wurde. In Deutschland war zum ersten Mal ein City-Marathon live im Fernsehen zu sehen. Die ARD setzte mit viel Aufwand diese Reportage um und hatte mit 1,5 Millionen Zuschauern eine überzeugende Einschaltquote. Auch in den nächsten Jahren übertrug der Sender unter Federführung des SFB live.

Wenige Tage vor dem Start am 30. September hatten die Organisatoren allerdings noch ein Problem aus der Welt zu räumen. Denn ausgerechnet das Brandenburger Tor, das fortan zum neuen Symbol für den BERLIN-MARATHON werden sollte, war für Renovierungsarbeiten eingerüstet worden. Der Mittelpunkt des Laufes, der enormes internationales Interesse auf sich zog, drohte als Baustelle per TV in die Welt transportiert zu werden. Mit Hilfe der Medien und speziell des Sender Freies Berlin (SFB) gelang es schließlich, die Politiker davon zu überzeugen, das Gerüst noch im letzten Augenblick abbauen zu lassen.

Die Strecke führte dann durch ein freies Brandenburger Tor. Nur die Quadriga fehlte damals noch auf dem Tor, weil sie restauriert wurde. Viele Läufer hatten Tränen in den Augen, als sie durch diese Nahtstelle zwischen Ost und West hindurchliefen, andere jubelten lauthals. Weiter ging es Unter den Linden bis zum Fernsehturm und dann in einem Bogen wieder zurück über den Potsdamer Platz, bevor es zum Lützowufer ging. Auf dem Weg nach Kreuzberg kam man dann wieder zurück auf den alten Kurs, der auf der zweiten Hälfte nur geringfügig verändert wurde.

Historischer Ereignis - Jahrhundertlauf - Moneghetti unter 2.10

Dass die neuen 42,195 Kilometer quer durch die Berliner City nicht langsamer waren als die alten, bewiesen die Siegzeiten. Im Vergleich zum Vorjahr gab es klare Steigerungen, obwohl erst in den nächsten Jahren das wahre Potenzial der Berliner Strecke zu Tage kommen sollte. Die 1990 auf 25.000 DM aufgestockte Siegprämie erlief sich der Australier Steve Moneghetti, der in Topform war und seine Bestzeit von 2:09:06 Stunden deutlich unterbieten musste, um diesen historischen BERLIN-MARATHON zu gewinnen.
Mit 2:08:16 Stunden erzielte Moneghetti die erste Zeit unter 2:10 in Berlin und verbesserte die Jahresweltbestleistung des Italieners Gelindo Bordin um drei Sekunden. Moneghetti, einer der großen Marathonläufer seiner Zeit, hat in seiner Karriere eine Reihe von erstklassigen Erfolgen erzielt – doch Platz eins beim BERLIN-MARATHON 1990 ist sein größter Marathonsieg geblieben. Mit einem überzeugenden zehnten Platz bei den Olympischen Spielen 2000 beendete er zehn Jahre später seine Marathonkarriere in Sydney.

Auf die Sekunde genau hatten nun übrigens London und Berlin die gleichen Kursbestzeiten. Noch drei weitere Läufer blieben an jenem denkwürdigen Tag im September 1990 unter 2:10 Stunden. Der Bruder des dieses Mal zehntplazierten Vorjahressiegers Alfredo Shahanga, Gidamis, lief 2:08:32. Noch zwei Tage vor dem Rennen hatte Alfredo über ihn gesagt: „Ich habe Angst vor ihm, er trainiert so hart.“ Auf Rang drei und vier kamen zwei starke deutsche Läufer aus der damaligen DDR: Der deutsche Marathonrekordhalter Jörg Peter (Dresden), dessen Bestzeit von 2:08:47 Stunden in Deutschland bis heute unerreicht ist, und die Nachwuchshoffnung Stephan Freigang aus Cottbus. Peter lief 2:09:23, und Freigang, der zwei Jahre später bei Olympia einen sensationellen Bronzerang belegen sollte, danach aber nicht mehr an diese große Leistung anknüpfen konnte, erzielte seine heute noch gültige Bestzeit von 2:09:45.

Uta Pippig

Eine ehemalige DDR-Athletin, die unmittelbar nach dem Fall der Mauer nach Stuttgart geflüchtet war und inzwischen für die Stuttgarter Kickers startete, feierte einen Heimsieg: Uta Pippig wohnte bereits wieder in Berlin und sollte wenige Monate später für den SC Charlottenburg starten. Zuvor hatte sie den bundesdeutschen Marathon-Rekord auf 2:28:03 Stunden verbessert, in Berlin gewann sie nun in 2:28:37. Es war ihr erster großer Marathontriumph – und aufgrund ihrer persönlichen Vorgeschichte ein ganz besonderer Augenblick. Sie hatte sich im DDR-Sportsystem nie wohl gefühlt, so dass die Wende für die Berlinerin wie eine Befreiung gekommen war. Die Gefühle der Uta Pippig reflektierten die bewegende Stimmung bei diesem historischen Massenlauf durch Ost und West. „Als ich durch das Brandenburger Tor lief, bekam ich eine Gänsehaut“, erzählte Uta Pippig später.

Getrübt wurde die Atmosphäre 1990 jedoch vom zweiten Todesfall in der Geschichte des BERLIN-MARATHON, obwohl dieser Fall mit dem Marathonlauf nicht viel zu tun hatte. Noch bevor der Mann kurz nach dem Startschuss richtig losgelaufen war, erlitt er einen Herzinfarkt, der auf Aufregung zurückzuführen war. Er soll krank gewesen sein und hatte offenbar lediglich vor, durch das Brandenburger Tor kurz nach Kilometer drei zu laufen.

Ausnahmesituation

Natürlich handelte es sich beim ersten BERLIN-MARATHON durch Ost und West um eine Ausnahmesituation. Viele Läufer reisten extra nach Berlin, um durch das Brandenburger Tor zu laufen.
Deswegen gab es, zum ersten Mal seit Bestehen des City-Marathons, 1991 einen erwarteten Teilnehmerrückgang. 18.909 Läufer folgten der einige Nächte zuvor zum zweiten Mal nach 1990 mit blauer Farbe auf die Straße gepinselten Ideallinie ins Ziel. In der Spitze war das Rennen dennoch erstklassig besetzt.
Gleich 90 Läufer hatten Bestzeiten von unter 2:20 Stunden, neun von ihnen waren zuvor bereits schneller als 2:10. Doch für den vermeintlichen Favoriten, Steve Jones – einem der besten Marathonläufer aller Zeiten, der seinen Leistungshöhepunkt jedoch überschritten hatte –, sprang ein Landsmann in die Bresche: Der Waliser Steve Brace, genannt „The Bridgend Racing Machine“, siegte nach einem spannenden Sprintfinish in 2:10:57 Stunden mit nur vier Sekunden Vorsprung vor Mark Plaatjes (USA), der zwei Jahre später in Stuttgart Marathon-Weltmeister wurde. Zu ihrem zweiten Sieg lief bei den Frauen Renata Kokowska (Polen) in 2:27:36 – das war natürlich, wie üblich bei den Frauen, ein Streckenrekord.

Aufgrund der enormen Bauarbeiten am Potsdamer Platz musste die Strecke noch einmal für einige Jahre verändert werden. Dabei ereignete sich ein Kuriosum. Die mit dem Aufstellen und Anhängen der Hinweisschilder für Autofahrer und Zuschauer beauftragte Firma hatte sich nicht nach dem neuen Streckenplan gerichtet. Plötzlich tauchten vor dem BERLIN-MARA- THON zum Beispiel am Schöneberger Ufer die Marathonschilder auf, obwohl diese Passage gar nicht zur Strecke gehörte. Etwas ähnliches passierte auch einmal mit einem Verpflegungsstand. Die entsprechenden Helfer bauten ihn versehentlich an der falschen Stelle auf, weil sie eine Streckenänderung übersehen hatten. Diese Fehler konnten aber jeweils noch rechtzeitig korrigiert werden.

Trendsetter auf vielen Gebieten - Gemälde

Der BERLIN-MARATHON war von Anfang an auf vielen Gebieten Trendsetter im organisatorischen, im technischen, als auch auf kulturellen Gebiet. Der Literatur-Marathon mit vielen laufenden Literaten unter der Leitung von Dr. Detlef Kuhlmann ist inzwischen eine Institution geworden, als Auftrageber von Laufgemälden, die Kooperation mit Hochschulen für Kunst und Graphik, Musik, Film und Theater, die Zusammenarbeit mit dem Sportmuseum Berlin - AIMS Marathon Museum of Running sei speziell erwähnt.

Seit 1988 zierten Gemälde die Titelseiten der Programmhefte, die Gemälde wurden während der Marathonmesse ausgestellt und die Künstler wurden im Programmheft vorgestellt.Es begann 1988 mit Elke Kirstaedter, 1989 folgte Horst Sakowski, 1990 Jan van Diemen (Holland), 1991 Sigird Denkhaus, 1992 Manuela Gutge, 1993 Sigrid Denkahus und 1994 Gerald Zasgornik. Mit Ausnahme von Jan van Diemen waren alle anderen Künstler aus Berlin

Erster Lauf mit Südafrikanern

War mit Plaatjes 1991 ein gebürtiger Südafrikaner knapp geschlagen, so feierten die traditionell starken Langstreckler dieses Landes in den nächsten zwei Jahren zwei große Siege. Der BERLIN-MARATHON 1992 war der erste große Citylauf, bei dem die Südafrikaner nach dem Ende der Apartheidpolitik und dem daraus folgenden Ende der internationalen Sperre wieder starten durften. Somit hatte der BERLIN-MARATHON zwei Jahre nach dem Wiedervereinigungs-Lauf wieder eine besondere Bedeutung, die über das rein Sportliche hinaus ging.

1990 hatten David Tsebe und andere südafrikanische Marathonläufer den Berliner Sieg von Steve Moneghetti im Fernsehen verfolgt. „Das können wir auch“, erinnerte sich Tsebe, was er zum Ergebnis des Australiers gesagt hatte. Nun war er in Berlin, um es zu beweisen – und er lief zu einem großen südafrikanischen Triumph. Der Olympiadritte Stephan Freigang (Cottbus) hatte auf den ersten Kilometern für das Tempo gesorgt, doch danach gab es Tempowechsel an der Spitze. Als die Hälfte der Strecke nach weltrekordverdächtigen 63:03 Minuten erreicht war, hing David Tsebe rund 15 Meter zurück. Aber mit seinem gleichmäßigen Lauf sollte er am Ende triumphieren. Bei Kilometer 22 erreichte David Tsebe wieder die Spitze, bei Kilometer 31 zog er auf und davon. Am Ende stand mit 2:08:07 Stunden nicht nur ein Streckenrekord, sondern auch eine Jahresweltbestzeit. Ebenso wie 1990 wurde diese Berliner Zeit bis zum Jahresende nicht mehr übertroffen.

Trotz Schmerzen im Fuß lief Uta Pippig im Trikot des Veranstaltenvereins zu ihrem zweiten Sieg in Berlin in 2:30:22. Es war das erste Mal seit 1981, dass die Frauen-Siegerin des BERLIN-MARATHON keinen Streckenrekord erzielt hatte. Seit 1982 hatte es zehnmal in Folge eine Kursbestzeit gegeben. Das hing sicherlich mit den Problemen im Fuß von Uta Pippig zusammen. Bei Kilometer 25 hatte die Berlinerin sogar an eine Aufgabe gedacht, doch die unglaubliche Anfeuerung der Zuschauer ließ sie weiterlaufen. Später an ihrer Steglitzer Wohnung angekommen, hatten Nachbarn ein Transparent am Haus befestigt: „Das war super, Uta“.

66.000 Bananen

Super war wiederum auch die Organisation, die auch im Ausland gelobt wurde. In einer englischen Leichtathletik-Zeitschrift fand sich nach dem London-Marathon der folgende Leserbrief: „… ich überlege, ob ich beim BERLIN-MARATHON starte und nur so weit laufe, bis ich den ersten Verpflegungspunkt erreiche, an dem es Früchte gibt …“. In Berlin wurden unter anderem 66.000 Bananen als Verpflegung verteilt – Obst gab es beim London-Marathon dagegen nicht. Für Aufregung hatten 1992 Gegner der Olympiabewerbung Berlins für das Jahr 2000 gesorgt. Von den Yorckbrücken ließen sie literweise Farbe auf die Straße tropfen. Doch der Farbanschlag ging glimpflich vonstatten. Die Läufer an der Spitze bekamen nicht mehr als ein paar Spritzer ab, keiner rutschte aus.

Nachdem zwei Jahre lang das japanische Unternehmen Canon als Hauptsponsor fungiert hatte, begann 1993 das alte Problem: es fehlte der große Geldgeber. Die Berlin 2000 Olympia-GmbH und die Spielbank Berlin sprangen schließlich in die Bresche. Während Vorjahressieger David Tsebe dieses Mal Dritter wurde, gewann sein Landsmann Xolile Yawa überraschend in 2:10:57. Bisher, wie ein Jahr zuvor auch noch David Tsebe, in armen Verhältnissen lebend, war dieser Sieg für ihn ein Schritt in eine bessere Zukunft.

Bereits zum dritten Mal, nach Erfolgen 1988 und ‘91, lief Renata Kokowska auf Rang eins. Die Polin stellte in 2:26:20 Stunden einen neuen Streckenrekord auf und verwies die Debütantin Albertina Dias (Portugal) auf Rang zwei. Renata Kokowska war die erste Frau, die den BERLIN-MARATHON dreimal gewonnen hatte.
Auch 1994 setzte sich ein leicht rückwärtiger Trend bei den Teilnehmern fort: Doch mit 16.121 Läufern aus 70 Nationen hatte der BERLIN-MARATHON nichts von seinem internationalen Stellenwert verloren.
Katrin Dörre-Heinig mit Streckenrekord

Zumal es erneut Weltklasseergebnisse gab. Katrin Dörre-Heinig (Quelle Fürth) lief mit 2:25:15 Stunden einen erstklassigen Streckenrekord, der für sie zugleich persönliche Bestzeit bedeutete. Die frühere deutsche Rekordhalterin, die ihre Bestmarke im gleichen Jahr an Uta Pippig verloren hatte (2:21:45 Stunden), war die fünfte deutsche Siegerin seit 1981 – eine Quote, die auch die internationale Stärke der deutschen Langstrecklerinnen zu dieser Zeit widerspiegelte. Die zweimalige Siegerin Uta Pippig beglückwünschte Katrin Dörre-Heinig im Ziel zu ihrem ersten Berlin-Triumph.

Vor den Augen des Marathon-Olympiasiegers von 1988, Gelindo Bordin (Italien), der als Ehrengast in Berlin war, gab es ein spannendes Männerrennen, bei dem António Pinto (Portugal) in 2:08:31 Stunden mit 19 Sekunden Vorsprung vor Sammy Nyangincha (Kenia/2:08:50) gewann. Für Verwirrung hatte der Tempomacher Lameck Aguta (Kenia) gesorgt, der das Rennen plötzlich durchlief und nach längerer Führung Vierter wurde. Der Kenianer, der zur Trainingsgruppe des Uta-Pippig-Coaches Dieter Hogen gehörte, machte in den nächsten Jahren nochmals erfolgreich Tempo, bevor er zu einer tragischen Figur des Laufsports wurde. 1997 hatte Lameck Aguta überraschend den für die Kenianer prestigeträchtigen Boston-Marathon gewonnen, doch wenige Monate später wurde er in Kenia überfallen und dabei lebensgefährlich verletzt. Aguta erholte sich von seinen schweren Kopfverletzungen und startete im Jahr 2000 erneut in Berlin, ohne jedoch eine vordere Platzierung zu belegen.

Heinz Frei bei den Behinderten-Weltmeisterschaften 1994

In den Blickpunkt rückte der BERLIN-MARATHON 1994 auch, weil im Rahmen des Laufes die Behinderten-Weltmeisterschaften ausgetragen wurden. Hier fuhr der Schweizer Rollstuhlfahrer Heinz Frei zu seinem siebenten Sieg in Berlin und zudem zu einer Weltbestzeit von 1:22:12 Stunden. Außerdem war es damals der BERLIN-MARATHON, der als erstes großes Rennen die Chip-Zeitnahme einführte.

Immer weiter sprach sich währenddessen die für Topzeiten hervorragend geeignete Berliner Strecke herum. Fachleuten war klar, dass der Kurs sogar für einen Weltrekord gut sein müsste. Und eine ganze Reihe von Weltklasseläufern meldeten ihr Interesse an, in Berlin zu starten. Das Problem war jedoch, dass das Budget in diesen Jahren längst nicht ausreichte, um sie alle zu verpflichten. Den Vergleich zu den finanzkräftigeren Rennen von London, Chicago, New York oder Boston konnten die Berliner in punkto Startgeld nicht standhalten. Doch noch heute nehmen einige Topläufer geringere Gagen in Berlin in Kauf, um auf der schnellen Strecke eine Spitzenzeit zu laufen. Damit wiederum sind sie dann beim nächsten Start gut im Geschäft.

1995 gab es die bis dahin beste Besetzung in der Geschichte des BERLIN-MARATHON. Verantwortlich dafür war auch der Londoner Manager Kim McDonald, der in Zusammenarbeit mit dem über viele Jahre hinweg für die Topathleten zuständigen Christoph Kopp die Fäden zog. Als Garant für schnelle Zeiten galt in jenen Jahren die von Uta Pippigs Coach Dieter Hogen betreute Gruppe kenianischer Läufer. Mitsamt Tempomachern wurden sie auf den Punkt genau für den BERLIN-MARATHON in Topform gebracht. Das Problem der Kenianer Anfang der 90er Jahre war, dass ihnen das Know-how des Marathontrainings fehlte. Über kürzere Distanzen liefen sie reihenweise Weltklassezeiten, über die Marathondistanz schöpften sie selten ihr Potenzial aus. Je mehr europäische und amerikanische Trainer in den nächsten Jahren die Kenianer auf die Marathonrennen vorbereiteten, desto besser wurden die Ergebnisse.
Lelei mit einer Traumzeit von 2:07:02 Stunden

So gelang in einem denkwürdigen Rennen in Berlin 1995 Sammy Lelei ein sensationeller Erfolg. Zwischenzeitlich nach einem Vorstoß von Vincent Rousseau (Belgien) deutlich zurückliegend, ließ er zunächst Vorjahressieger António Pinto und dann auch den damals wohl besten weißen Marathonläufer, Rousseau, wenige Kilometer vor dem Ziel hinter sich. Lelei stürmte zu einer Traumzeit von 2:07:02 Stunden – es war die damals zweitschnellste je gelaufene Zeit. Nur zwölf Sekunden fehlten dem Kenianer zur damaligen Weltbestzeit des Äthiopiers Belayneh Dinsamo. Über sieben Jahre lang war kein Läufer weltweit so schnell gewesen wie nun Sammy Lelei in Berlin. Und hätte der nur 1,60 m große Farmerssohn aus Kenia etwas eher gemerkt, wie dicht er an dem Rekord war, er hätte ihn wahrscheinlich gebrochen. Mit 2:07:20 Stunden lief auch Vincent Rousseau noch eine Weltspitzenzeit, zudem blieb António Pinto als Dritter noch unter 2:09 mit 2:08:57.

Mit Sammy Lelei hatte ausgerechnet der Kenianer gewonnen, hinter dessen Form Trainer Dieter Hogen ein kleines Fragezeichen gesetzt hatte. Denn der 31-Jährige war der neueste Kenianer in der rund 10-köpfigen Trainingsgruppe von Dieter Hogen. Erst seit Anfang August hatte sich Lelei in Boulder (Colorado) bei seinem neuen Trainer auf den BERLIN-MARATHON vorbereitet. Es blieb nur eine gemeinsame Trainingsphase von sechs Wochen, wobei Sammy Lelei aber natürlich schon in sehr guter Verfassung nach Boulder gekommen war. Dennoch hatte Dieter Hogen seine anderen beiden kenianischen Starter, Sammy Nyangincha (Vierter in 2:09:36) sowie Gilbert Rutto (Fünfter in 2:11:12), stärker eingeschätzt. Nyangincha hatte allerdings das Pech, dass er tags zuvor in der Dusche seines Hotelzimmers ausgerutscht war und sich bei dem Sturz am Arm verletzt hatte.
Es waren die Resultate 1995, die den BERLIN-MARATHON in der Liste der schnellsten Marathonrennen der Welt vom sechsten auf den dritten Platz katapultierten.

Dabei wird der Durchschnitt der schnellsten zehn Männerzeiten gewertet. Noch 1990 tauchte der BERLIN-MARATHON nicht unter den Top Ten auf, nun war er mit einem Schnitt von 2:08:20 Stunden auf Platz drei hinter Boston (2:08:06) und Rotterdam (2:08:11). Einen Doppeltriumph feierte Trainer Dieter Hogen, denn auch Uta Pippig gewann nach 1990 und '92 zum dritten Mal in Berlin. Mit 2:25:37 Stunden untermauerte die einmal mehr gefeierte Lokalmatadorin, die aufgrund von Schmerzen im Fuß während des Rennens ihr Tempo drosseln musste, ihre Position als damalige Nummer eins der Welt.
Deutliche Teilnehmersteigerung

Zum ersten Mal nach 1990 gab es 1996 wieder eine deutliche Teilnehmersteigerung in Berlin. 19.532 Läufer aus 70 Nationen hatten für den bis dahin zweitgrößten BERLIN-MARATHON gemeldet. 16.677 waren es im Jahr zuvor. Der knapp 20-prozentige Zuwachs erklärt sich aber längst nicht nur damit, dass erstmals in das Cityrennen die Deutschen Meisterschaften integriert waren. Viel Werbung auf internationaler Ebene und die wachsende Bedeutung Berlins als Hauptstadt Deutschlands machten sich ebenso bemerkbar. Und aufgrund der Topresultate von 1995 hatte der BERLIN-MARATHON international mehr Aufmerksamkeit erhalten.

Aufgrund des günstigen Streckenprofils galt Berlin schon immer als ein gutes Pflaster auch für jene Spitzenathleten, die von den Bahn-Langstrecken zum Marathon wechseln wollten. Das traf auch auf Abel Antón zu. Der spanische Debütant überraschte 1996 die in diesem Jahr nicht ganz so starken Kenianer. Abel Antón startete in Berlin zu einer glänzenden Marathonkarriere, während der er schon ein Jahr später im heißen Athen Weltmeister wurde. Bevor er seinen WM-Titel zwei Jahre später in Sevilla als erster Marathonläufer verteidigt hatte, hatte er auch noch den London-Marathon gewonnen.

Antón, der über die Bahn-Langstrecken gegen die starken Afrikaner kaum noch eine Chance sah, gewann 1996 in Berlin in 2:09:15 Stunden, während bei den Frauen die Südafrikanerin Colleen de Reuck ein überzeugendes Rennen lief und in 2:26:35 Stunden als Siegerin ihren größten Erfolg feierte. Deutsche Meister wurden in diesem Rennen Steffen Dittmann (LC Ravensberg) in 2:16:03 Stunden und Claudia Lokar (TV Wattenscheid) mit 2:28:17.

Ehrengast Waldemar Cierpinski läuft mit

Ein ehemaliger und eine Reihe von aktuellen Weltklasseläufern prägten das Rennen 1997. Zum ersten Mal lief ein als Ehrengast geladener Olympiasieger selbst mit. Waldemar Cierpinski, der einzige deutsche Marathon-Goldmedaillengewinner von 1976 und ‘80, nahm im Ziel nach einem lockeren Rennen (3:41:06 Stunden) gemeinsam mit dem Fußball-Manager von Werder Bremen, Willi Lemke, die Medaille entgegen. Sie zierte in diesem Jahr wie auch die Urkunden sein eigenes Portrait.
Rund eineinhalb Stunden zuvor hatte es Weltklasseergebnisse im Dutzend gegeben. Gleich neun Läufer blieben unter 2:10 Stunden, insgesamt 15 unter 2:12 und 21 unter 2:15. Ideale Witterungsbedingungen und perfekte Tempoarbeit hatten diese in Berlin einmaligen Ergebnisse möglich gemacht.

Spätestens jetzt wurde der BERLIN-MARATHON zum weltweit schnellsten Rennen der 90er Jahre. Zum zweiten Mal nach 1995 hatte der „Kenia-Express“ Spitzenzeiten von unter 2:08 Stunden produziert. Elijah Lagat gewann in der Jahresweltbestzeit von 2:07:41 Stunden mit nur zwei Sekunden Vorsprung vor Eric Kimaiyo. Sammy Lelei machte den kenianischen Dreifach-Triumph in 2:08:00 perfekt. Das Trio stellte mit 6:23:24 Stunden einen Mannschafts-Weltrekord auf, der allerdings inoffiziell ist. Denn der Leichtathletik-Weltverband (IAAF) führt eine solche Rekordliste nicht.

Mit der Einigkeit unter den Kenianern war es aber nicht ganz so weit her, denn die ersten vier kamen aus unterschiedlichen Trainingsgruppen. Lagat und Kimaiyo gehören zur Gruppe des Italieners Gianni de Madonna, Lelei und der viertplatzierte Jackson Kipngok, der mit 2:08:36 Stunden noch eine Weltklassezeit erzielte, sich jedoch mit zu viel Tempoarbeit selbst um einen größeren Erfolg gebracht hatte, zu den Läufern des Londoner Managers Kim McDonald.
Irin Catherina McKiernan lief mit 2:23:44 nicht nur Streckenrekord, sondern auch das schnellste Marathondebüt aller Zeiten.

In der Liste der schnellsten Rennen stieß der BERLIN-MARATHON mit einer Durchschnittszeit von 2:07:59 nunmehr sogar auf Platz zwei hinter Rotterdam (2:07:49) vor.
Und auch bei den Frauen gab es Topergebnisse in bisher nicht gesehener Breite. Die als Weltklasse-Crossläuferin bekannte Irin Catherina McKiernan lief mit 2:23:44 nicht nur Streckenrekord, sondern auch das schnellste Marathondebüt aller Zeiten. Die beste Anfänger-Zeit hatte zuvor die Chinesin Wang Junxia aufgestellt, die 1993 in Tianjing in 2:24:07 gewonnen hatte. Die 1997 in Berlin zweitplatzierte Madina Biktagirowa (Weißrussland) blieb mit 2:24:46 ebenfalls noch unter der alten Kursbestzeit. Und insgesamt liefen in jenem Jahr immerhin fünf Frauen unter 2:30 Stunden.

Zum ersten Mal Inlineskater am Start

Die perfekte Generalprobe für das große Jubiläumsrennen im Jahr 1998 hatte noch eine perspektivenreiche Premiere: Erstmals waren die Inline-Skater in den BERLIN-MARATHON integriert. 446 Skater gingen 1997 an den Start, und diese Zahl sollte in den nächsten Jahren enorm gesteigert werden. Die Franzosen Pascal Briand (1:07:52 Stunden) und Caroline Jean (1:15:30) waren die ersten Sieger in Berlin.

Quelle: Jubiläumsschrift zum 30. BERLIN-MARATHON - Jörg Wenig und Horst Milde

http://www.germanroadraces.de/24-0-7044 ... uf-in.html
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Re: 35 Jahre BERLIN-MARATHON - Eine Bewegung aus dem Grunewald

Beitragvon Hübi » 20.09.2008, 21:54

35 Jahre BERLIN-MARATHON - Eine Bewegung aus dem Grunewald in die City - Geschichten und Anekdoten - Jörg Wenig und Horst Milde berichten - Folge IV - "Berlin setzt Maßstäbe - Fünf Läufe, drei Weltrekorde"

Als ,Ronaldino der Läufer’ – so wird er in Brasilien genannt – das Ziel erreichte, schlug er vor Freude ein Rad, und später musste Horst Milde mit Ronaldo da Costa Samba tanzen.

1998 - zum 25. Jubiläum - schenkt Ronaldo da Costa aus Brasilien Berlin einen neuen spektakulären Weltrekord © Victah Sailer
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Vieles deutete im Vorfeld des 25. BERLIN-MARATHON 1998 darauf hin, dass es ein großes Spektakel werden würde, wenig dagegen sprach dafür, dass dieses von einem Weltrekord gekrönt werden könnte. Über Jahre hinweg galt jene Zahl der 25.000 Teilnehmer aus dem Jahre 1990 als praktisch unerreichbar. Schließlich waren es damals ganz besondere Umstände, die die Läufer nach Berlin gelockt hatten.

Doch nun zeichnete sich vor dem Jubiläumslauf überraschend ein neuer Rekord ab. Und schließlich beteiligten sich an der Veranstaltung 27.621 Teilnehmer, darunter neben Läufern auch 1.945 Inline-Skater sowie die Rollstuhlfahrer. Zählt man noch jene 5.256 Starter beim MINI-MARATHON hinzu, waren es sogar 32.877 Athleten, die beim Jubiläum dabei waren. Damit hatten 25 Auflagen des BERLIN-MARATHON nunmehr insgesamt 275.991 Teilnehmer, und der MINI-MARATHON der Schüler zählte in zehn Auflagen 30.150 Starter.

Ronaldo da Costa - der Läuferstar aus Brasilien

Für das Highlight bei dem Rennen, das mit dem Tiefkühl-Lebensmittelhersteller Alberto wieder einen Titelsponsor hatte, sorgte Ronaldo da Costa. Der Brasilianer, der aus ärmlichen Verhältnissen stammt, sollte in Berlin das Rennen seines Lebens laufen. Sein Marathon-Debüt war er 1997 in Berlin gelaufen. Und als Fünfter hatte er in 2:09:07 Stunden überzeugt. Bei seinem zweiten Berlin-Start hielt er sich anfangs zurück. Gemeinsam mit den kenianischen Favoriten Samson Kandie, Josephat Kiprono und Reuben Chebutich lief er rund eine halbe Minute hinter der Führungsgruppe.

Bei Kilometer 16 erreichten sie die Spitze, und schon bald nach der wenig rekordverdächtigen Halbmarathonzeit von 64:42 Minuten verabschiedete sich Ronaldo da Costa von den restlichen Konkurrenten. Die Kenianer nahmen den frühen Vorstoß des Brasilianers nicht ernst und merkten viel zu spät, dass dieser Ronaldo da Costa wesentlich stärker war als gedacht. Er kam zunächst dem Streckenrekord von 2:07:02 Stunden und dann dem gut zehn Jahre alten Weltrekord des Äthiopiers Belayneh Dinsamo, der 1988 in Rotterdam 2:06:50 gelaufen war, immer näher.

Es war etwa bei Kilometer 33. Da tauchte neben einem der Busse an der Spitze des Führungsfeldes plötzlich Victor Sailer auf seinem Motorrad auf. „Was heißt“, fragte der Leichtathletik-Fotograf aus New York den Manager von Ronaldo da Costa, Luis Felipe Posso, der aus jenem Bus das Rennen verfolgte, „keep cool auf Portugiesisch?“ Dann brauste Victor Sailer wieder zu jenem Mann, der in unglaublichem Tempo an der Spitze des BERLIN-MARATHON lief. „Keep cool“, rief er Ronaldo da Costa zu und machte ihm klar: „Dreh dich nicht mehr um, es kommt sowieso keiner mehr!“

Ganz relaxed

Victor Sailer erhielt eine überraschende Antwort, denn der 28-jährige Brasilianer sagte ihm: „Ich laufe ganz relaxed!“ Und das bei einem Tempo, das man in dieser Phase nie zuvor bei einem Marathonlauf gesehen hatte. Deutlich unter 3:00 Minuten absolvierte Ronaldo da Costa die einzelnen Kilometerabschnitte zwischen 22 und 42 km. Trotzdem dachten zunächst weder sein Manager Luis Felipe Posso noch sein Trainer Carlos Cavalheiro an die Möglichkeit einer Weltbestzeit. Es war ziemlich genau bei Kilometer 39, als der Manager seinem Schützling vom Bus aus zurief, dass er Weltbestzeit laufen könnte. „Er rief mir zu: los lauf, du schaffst den Weltrekord. Okay, habe ich ihm zugerufen, ich laufe“, erzählte der Brasilianer.

Die nächste Kilometerzeit sagte alles: in 2:47 Minuten lief er den 40. Kilometer. Es war der schnellste Abschnitt des gesamten Rennens – so schnell, dass Cheforganisator Horst Milde im Führungsfahrzeug seiner eigenen Stopuhr misstraute. Im Ziel zeigten die Uhren 2:06:05 Stunden, und damit war die zehn Jahre alte Weltbestzeit des Äthiopiers Belayneh Dinsamo um genau eine dreiviertel Minute unterboten. Nach einer ersten Hälfte von 64:42 Minuten war er den zweiten Abschnitt in sensationellen 61:23 Stunden gelaufen. Das ist ein Ergebnis, das bei vielen internationalen Halbmarathonläufen nicht erreicht wird.

Der englische Leichtathletik-Journalist und Statistiker Mel Watman berichtete in ,Athletics International’, dass die schnellste zweite Hälfte in einem Rennen unter 2:08 Stunden bisher 62:56 Minuten betrug (Vincent Rousseau/1994/Endzeit: 2:07:51).
,Ronaldino der Läufer" und der Purzelbaum

Als ,Ronaldino der Läufer’ – so wird er in Brasilien genannt – das Ziel erreichte, schlug er vor Freude ein Rad, und später musste Horst Milde mit Ronaldo da Costa Samba tanzen. Zum Tanzen zumute war auch der Siegerin: Wenige Wochen nach einem eher enttäuschenden EM-Marathon, in dem sie Fünfte geworden war, zeigte Marleen Renders (Belgien), was wirklich in ihr steckt. Mit 2:25:22 Stunden siegte sie und erzielte die viertbeste je in Berlin gelaufene Zeit. So wurde das Jubiläum des BERLIN-MARATHON vor einem Millionenpublikum zu einer perfekten Marathonparty.

Dass sich ein solches Resultat von Ronaldo da Costa nicht so schnell wiederholen lässt, war vor dem 26. BERLIN-MARATHON 1999 klar. Doch da waren ja noch die Frauen, deren Streckenrekord von Catherina McKiernan (Irland/2:23:44) zwar hochkarätig war, aber trotzdem noch Verbesserungspotenzial bot. Vor allen Dingen, weil es gelungen war mit Tegla Loroupe (Kenia) die zu der Zeit beste Marathonläuferin der Welt zu verpflichten. Mit 2:20:47 Stunden hatte sie in Rotterdam 1998 den Weltrekord aufgestellt. Zwar hatte der BERLIN-MARATHON nach wie vor kein mit den Rennen von London, New York oder Boston vergleichbares Budget, aber die schnelle Berliner Strecke lockte immer wieder Topathleten.
Tegla Loroupe - und der nächste Weltrekord

So war es Tegla Loroupes erklärtes Ziel, als erste Frau unter 2:20 Stunden zu laufen. Mit der bezeichnenden Startnummer 219 ging die damals 26-Jährige ins Rennen. Und sie begann viel zu schnell. Nach 32:32 Minuten war sie bei Kilometer zehn – eine Zwischenzeit, die gut ist für Endzeiten im Bereich von 2:17 Stunden! Gut im Plan war Tegla Loroupe dann zur Hälfte der Strecke, die in 69:27 Minuten gelaufen war. Muskelprobleme ließen sie jedoch auf den nächsten Kilometern etwas langsamer werden. „Während der ersten Hälfte der Strecke hatte ich überhaupt keine Probleme. Dann jedoch spürte ich einen leichten Schmerz in meinem linken Bein. Deswegen bin ich etwas vorsichtiger gelaufen und dadurch langsamer geworden“, erklärte die zeitweise in Detmold bei ihrem Manager und Trainer Volker Wagner lebende Kenianerin.

„Ich wusste, dass meine Zwischenzeiten außerhalb des Bereiches meines Weltrekordes lagen. Aber das Publikum war an der Strecke wirklich toll. Und da ich mich noch relativ gut fühlte, wollte ich diesem Publikum unbedingt einen Weltrekord bringen. Also habe ich alles auf eine Karte gesetzt.“ Es war am Ende haarscharf. In 2:20:43 Stunden unterbot Tegla Loroupe ihren eigenen Weltrekord um vier Sekunden.
„Ich muss mich zuerst bei den Organisatoren und bei den Sponsoren bedanken, die es möglich gemacht haben, dass ich hier starten konnte“, sagte Tegla Loroupe, die in Kenia aufgrund ihrer Erfolge eine entscheidende Vorreiterrolle für ihre Landsfrauen spielte. „Als ich beim Leichtathletik-Meeting ISTAF vor einigen Wochen hier war, haben die Veranstalter mir den Kurs gezeigt. Die Strecke ist super – es war klar, dass man hier Weltrekord laufen kann. Ich bin so glücklich, dass ich es geschafft habe“, erzählte Tegla Loroupe, die in Berlin auch von männlichen Tempomachern profitierte.

Eine derartige Praxis gibt es bei einigen Marathonrennen, allerdings wurde über dieses Thema kontrovers diskutiert. Speziell die Organisatoren des London-Marathons meinten damals, dies sei regelwidrig. Im April 2003 griffen die Briten dann aber selbst zu dieser Methode. „Ich verstehe nicht, warum sich einige darüber aufregen. Es gibt dafür keinen Grund. Ich habe einen Weltrekord aufgestellt – und ich bin die Strecke Schritt für Schritt gelaufen. Da kann mir keiner helfen. Bei reinen Frauenrennen habe ich in der Vergangenheit oft bewiesen, dass ich sehr schnell laufen kann“, sagte Tegla Loroupe. „In einem großen gemischten Rennen wie in Berlin brauche ich Männer als Schutz, damit ich nicht umgerannt werde oder man mir in die Hacken tritt. Ich danke meinem Coach und Manager Volker Wagner, der das für mich organisiert hat.“

Es war aber keine Frage: der Berliner Weltrekord von Tegla Loroupe wurde vom Internationalen Leichtathletik-Verband (IAAF) anerkannt.
Japaner Takayuki Inubushi mit 2:06:57 sogar einen Asienrekord.

Dass diese 26. Auflage des BERLIN-MARATHON das Jubiläumsrennen des Vorjahres sogar noch übertrumpfte, lag in erster Linie an Tegla Loroupe, jedoch auch an einem bis dahin einmaligen Männerrennen. Der Strecken- und Weltrekord kam zwar nicht in Gefahr, aber nie zuvor hatte es in einem Marathon zwei Zeiten unter 2:07 Stunden gegeben. Auf dem Kurfürstendamm erzielte der Sieger Josephat Kiprono (Kenia) mit der bis dato drittschnellsten je erzielten Zeit von 2:06:44 eine nationale Bestmarke und der Japaner Takayuki Inubushi mit 2:06:57 sogar einen Asienrekord.

Es war die fünftbeste Zeit aller Zeiten. Und seit jenem 26. September 1999 hielt der BERLIN-MARATHON noch einen anderen Weltrekord. Denn Männer- und Frauensiegzeit zusammengerechnet ergeben 4:27:27 Stunden. In dieser Liste führte nun der BERLIN-MARATHON, der damit gemessen allein an den Siegzeiten das hochkarätigste Marathonrennen aller Zeiten war. Außerdem setzten sich die Berliner an die Spitze jener Tabelle, die Aufschluss gibt über die schnellsten Männer-Marathonläufe der Welt. Dabei wird der Durchschnitt der besten zehn jemals gelaufenen Zeiten einer Veranstaltung errechnet. Der BERLIN-MARATHON kam damals auf einen Schnitt von 2:07:18,6 Stunden. Zweiter war zu diesem Zeitpunkt Rotterdam (2:07:25,2), Dritter der Lauf in Chicago (2:07:44,9). Fast ebenso überraschend wie die Qualität war die Quantität, die der BERLIN-MARATHON ein Jahr nach dem Jubiläum hatte: 27.192 Teilnehmer aus 82 Nationen wurden gezählt.

Darunter waren zum ersten Mal auch 48 Power-Walker.

Wahrscheinlich war für die Entwicklung des BERLIN-MARATHON der zweite Platz des Takayuki Inubushi wertvoller als die Zeit des Siegers Josephat Kiprono. Denn der Asienrekord verstärkte das Interesse der Japaner am BERLIN-MARATHON, der im Jahr 2000 mit der Warenhauskette real,- einen neuen Titelsponsor hatte. Eine Frau sorgte für eine Premiere beim real,- BERLIN-MARATHON: Mit Kazumi Matsuo stellte die Laufnation Japan zum ersten Mal bei diesem Rennen eine Siegerin. In 2:26:15 Stunden feierte die 26-Jährige ihren ersten großen internationalen Erfolg, nachdem sie die favorisierte Italienerin Franca Fiacconi hinter sich gelassen hatte.

Mit einem Novum war vorher das Rennen der Männer zu Ende gegangen. Nachdem der große Favorit Fabián Roncero (Spanien) bei Kilometer 30 mit Muskelproblemen aufgegeben hatte, lief ein Tempomacher die komplette Distanz und gewann: Simon Biwott (Kenia), WM-Neunter von Sevilla 1999 und somit kein Unbekannter über die klassische Distanz, rannte als Hase davon. In 2:07:42 verfehlte er seine eigene Bestzeit um nur eine Sekunde. Ihm folgte nach einer spannenden Schlussphase mit einem Rückstand von lediglich fünf Sekunden Antonio Pena (Spanien). Ein Jahr später wurde Simon Biwott Vize-Weltmeister im Marathon.

Elefanten an der Strecke

Dritter wurde 2000 der Kenianer Jackson Kabiga in 2:09:52 Stunden. Für ihn hatte es unterwegs allerdings eine Begegnung der ungewünschten Art gegeben. Kabiga lief in der Spitzengruppe und sein Manager Larry Barthlow fuhr in einem Bus vorneweg, als der Anhalter Bahnhof zwischen Kilometer 12 und 13 passiert wurde. Dort gastierte zu dieser Zeit der Amerikanische Zirkus, und als Clou hatten die Zirkusleute - nach einer Idee der Organisation - ein paar besondere Zuschauer an den Streckenrand geführt. Die Raubtiere waren im Käfig, doch an der Straße standen unter anderem Elefanten. „Ausgerechnet Elefanten“, rief Larry Barthlow und erklärte: mit Löwen habe Jackson kein Problem, „aber vor Elefanten hat er regelrecht Angst“. Der Kenianer kam heil ins Ziel. Doch seitdem ist er beim BERLIN-MARATHON nicht mehr gestartet.

Auch bedingt durch die glänzenden Ergebnisse in den 90er Jahren, erlebte der BERLIN-MARATHON einen weiteren, deutlichen Aufschwung. Zum ersten Mal wurde 2000 die Zahl von 30.000 Startern übertroffen. 34.090 Meldungen aus 85 Nationen zählten die Veranstalter, darunter die Rekordzahl von 6.741 Inline-Skatern.

Joschka Fischer

Neben dem traditionellen Rollstuhlrennen wurden zum zweiten Mal nach 1999 auch Power-Walker offiziell zugelassen. Mit 219 Meldungen gab es auch hier einen deutlichen Aufwärtstrend. Unter den Läufern war auch ein sehr prominenter: Bundesaußenminister Joschka Fischer erreichte nach 3:54:29 Stunden gemeinsam mit seinem Begleiter – der in den 80er Jahren erfolgreiche Freiburger Marathonläufer Herbert Steffny – das Ziel. Seine Sicherheitsbegleiter hatten sich nach der Hälfte der Strecke abgewechselt.

Doch es gab auch Grund zur Trauer im Jahr 2000. Zwei Läufer starben beim BERLIN-MARATHON. Es waren die ersten Todesfälle seit zehn Jahren bei dem Rennen. Insgesamt hatte es nun vier Tote in 27 Marathonrennen gegeben. Die beiden Läufer erlitten einen Herzstillstand und konnten trotz sofortiger medizinischer Hilfe nicht reanimiert werden. Meist sind nicht erkannte Herzerkrankungen die Ursache für einen derartigen Sekundentod beim Marathon. Einmal konnte ein Läufer in einer derartigen Situation beim BERLIN-MARATHON trotzdem gerettet werden. Er hatte unglaubliches Glück, weil er an einem Streckenpunkt zusammenbrach, wo ein Notarztwagen stand. Der Läufer fiel in die Hände eines Reanimations-Spezialisten.

Schummler

Nachdem die Ergebnisse dieses real,- BERLIN-MARATHON ausgewertet worden waren, stellte sich heraus, dass es wieder einmal eine Reihe von Schummlern gegeben hatte. Ohne den entsprechenden Chip am Schuh kann der Läufer im Ziel nicht registriert werden. Das hatte sich weitestgehend herumgesprochen. Doch auch mit Chip taucht nicht jeder zwangsläufig in der Ergebnisliste auf, selbst wenn die das Signal aufnehmenden Matten auf dem Kurfürstendamm überlaufen wurden. Der Läufer muss mit Chip am Schuh auch über die anderen Matten an den 5-km-Punkten gelaufen sein. 33 Läufer des BERLIN-MARATHON 2000 rannten zwar auf der Straße des 17. Juni los, ließen allerdings auf dem Weg durch die Stadt ein paar Bezirke aus.

Drei schafften es gerade einmal bis zur 5-km-Marke und wurden bald darauf im Ziel registriert. Die meisten tauchen nach der 25-km-Marke ab – ironischerweise dort, wo die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) ihr Hauptquartier haben – und einige bei 40 km wieder auf. Zwischen beiden Punkten gibt es eine gute U-Bahn-Verbindung.

Erste Frau unter 2.20 - Barriere durchbrochen

Ein Jahr später wurde wieder ein Stück Leichtathletik-Geschichte geschrieben: Der 28. real,- BERLIN-MARATHON wurde gekrönt von Naoko Takahashi. Die 29-jährige Olympiasiegerin aus Japan lief als erste Frau die klassische Distanz von 42,195 km in unter 2:20 Stunden. Nach 2:19:46 Stunden rannte sie auf der Tauentzienstraße ins Ziel, und in Japan feierten die Menschen ihre Nationalheldin. Fast genau nur elf Minuten zuvor hatte der Sieger, Joseph Ngolepus (Kenia/ 2:08:47), sein Rennen beendet. Es war der geringste Abstand zwischen dem Männer- und der Frauensiegerin in der Geschichte des Rennens. Und es war der dritte Weltrekord binnen vier Jahren in Berlin.

Fast zwei Jahrzehnte hatten die besten Langstreckenläuferinnen der Welt vergeblich versucht, die 2:20-Stunden-Barriere zu unterbieten. Angefangen bei Ingrid Kristiansen (Norwegen) und Joan Benoit-Samuelson (USA) in den 80er Jahren über Wanda Panfil (Polen) und die Berlinerin Uta Pippig bis hin zu Tegla Loroupe (Kenia) – sie alle scheiterten an der Marathon-Barriere. In Berlin fiel nun zwölf Jahre nach der Mauer auch die Marathon-Mauer. Dass der Weltrekord von Naoko Takahashi nur eine Woche Bestand hatte, weil die Kenianerin Catherine Ndereba in Chicago die Marke auf 2:18:47 Stunden steigerte, schmälert den Erfolg nicht. Denn es ist der real,- BERLIN-MARATHON, der in die Sportgeschichte eingegangen ist. Hier wurde die Barriere durchbrochen. Und das wird, wie bei Leichtathletik-Weltrekorden ähnlicher Dimension, in Erinnerung bleiben. Und zwar wesentlich länger als manch anderer Marathon-Rekord.
Coup von Mark Milde

In die Wege geleitet hatte den Start von Naoko Takahashi der inzwischen für die Topathleten zuständige Mark Milde. Dem jüngeren Sohn des Cheforganisators Horst Milde war ein Coup gelungen, der ihm in der internationalen Laufszene Respekt verschaffte. Er hatte nämlich nicht nur die Olympiasiegerin sondern auch die Weltrekordlerin für den BERLIN-MARATHON verpflichtet: Tegla Loroupe. Das sorgte dafür, dass der Lauf spitzensportlich weltweit im Blickpunkt stand wie nie zuvor. Genau 121 Pressevertreter allein aus Japan hatten sich für diesen BERLIN-MARATHON akkreditiert. Das war weit mehr als die Zahl japanischer Journalisten, die einen Monat zuvor zu den Leichtathletik-Weltmeisterschaften nach Edmonton gereist war.

Unter den japanischen Journalisten in Berlin waren auch drei Redakteure des Comic-Heftes ,Young Sunday’. In diesem wurde die Geschichte von Naoko Takahashi unter dem Titel Kazekko (,Die Tochter des Windes’) erzählt. Das Heft hat eine wöchentliche Auflage von 700.000 Stück, doch durch den Sieg von Naoko Takahashi wurde mit einer Auflagesteigerung gerechnet. Schon vor Takahashis Triumph war allerdings die Ausgabe erschienen, die sie in Berlin als Siegerin zeigte. Über diese Planung war Naoko Takahashi jedoch weniger glücklich.

Als Naoko Takahashi gegen 18.30 Uhr japanischer Zeit in Berlin dann tatsächlich als Siegerin ins Ziel lief, guckte ihr fast jeder zweite Japaner zu. In ihrer Heimat saßen über 53 Millionen Landsleute am Fernseher. „Am Ende hatten wir eine Einschaltquote von 53,5 Prozent“, erklärte Norihiko Kondo von Fuji-TV. Eine Einschaltquote von einem Prozent entspricht in Japan etwa einer Million Menschen. Durchschnittlich betrug die Einschaltquote der knapp dreistündigen Sendung 36,4 Prozent – unglaubliche Zahlen.

Bei abgesehen von einem leichten Wind guten Wetterbedingungen, war es zuvor allerdings zu keiner Zeit zu dem erwarteten Zweikampf zwischen der Olympiasiegerin Naoko Takahashi und der Weltrekordlerin Tegla Loroupe gekommen. Schon nach wenigen Kilometern, kurz hinter dem Brandenburger Tor, führte die Japanerin mit rund einer halben Minute Vorsprung vor Kathrin Weßel (SCC Berlin) und Tegla Loroupe. Die Berliner Lokalmatadorin, die nach einer Babypause vor knapp eineinhalb Jahren ein Comeback gestartet hatte, wurde schließlich in persönlicher Bestzeit von 2:28:27 Stunden Dritte. „Ich wusste, dass ich auf dem Weg war zu einer neuen Bestzeit und war sehr optimistisch während des gesamten Laufes“, sagte Kathrin Weßel.

Die Zeit unter 2:20 Stunden war eigentlich auch das erklärte Ziel von Tegla Loroupe. „Ich hatte ein leichtes Problem mit der Rückenmuskulatur, deswegen konnte ich einfach nicht schneller laufen. Ich bin zufrieden, dass ich unter diesen Umständen überhaupt so durchgekommen bin. Aber ich möchte Naoko Takahashi gratulieren. Sie ist eine große Athletin“, erklärte die als sehr faire Athletin bekannte Tegla Loroupe. Schon vor dem Start hatte die Kenianerin gemerkt, dass sie Probleme haben würde, so dass sie von Anfang an das Tempo von Naoko Takahashi nicht mitlief.

Nach 10 km lag sie in 35:04 Minuten gar mit fast zwei Minuten Rückstand zur Japanerin auf dem fünften Platz. Doch nach und nach schob sie sich wieder nach vorne. Und kurz vor der 35-km-Marke überholte sie dann noch Kathrin Weßel und wurde Zweite in 2:28:03.
Naoko Takahashi war nur auf den ersten 5 km des Rennens außerhalb ihres Fahrplanes für die Zeit unter 2:20 Stunden gewesen. Diesen Punkt hatte sie nach 16:45 Minuten erreicht. Dass sie hier noch nicht schneller war, lag jedoch auch am Gegenwind in dieser Phase des Laufes. Mit einem sehr gleichmäßig schnellen Lauf holte sie die anfangs verlorene Zeit bald wieder ein. Nach 69:50 Minuten hatte sie die erste Hälfte absolviert. Und zeitweise, besonders zwischen Kilometer 25 und 30, schien es sogar so, als könnte für Naoko Takahashi vielleicht sogar ein Ergebnis von unter 2:19 Stunden möglich sein. „Ich bin enttäuscht, dass sie nicht 2:16 Stunden gelaufen ist“, sagte ihr Trainer Yoshio Koide später.

Doch einen echten Grund enttäuscht zu sein, gab es natürlich nicht. Erst auf den letzten Kilometern war Naoko Takahashi langsamer geworden.
Besonders in der Anfangsphase des Rennens hatte die 1,63 m kleine und 47 Kilogramm leichte Naoko Takahashi von sogenannten „Guard Runners“ profitiert. Diese sie begleitenden Läufer hatte der Veranstalter als Schutz in dem Massenrennen mit über 30.000 Läufern zur Verfügung gestellt. Das war durchaus sinnvoll. Denn zumindest einmal musste einer der Begleiter einen Läufer wegschubsen. Dieser hatte, vielleicht um in das TV-Bild zu gelangen, versucht, neben Naoko Takahashi zu gelangen. Für die Japanerin war dieser
real,- BERLIN-MARATHON ohnehin Neuland, denn sie war nie zuvor in einem Massenrennen gestartet.
Läuferin des Jahres 2000

Während Naoko Takahashi nach unzähligen TV-Interviews für das japanische Frühstücksfernsehen in der Nacht zum Montag nur unwesentlich länger schlief als 2:19:46 Stunden und morgens um sechs Uhr bereits wieder zwölf Kilometer rannte, sorgte ihr Trainer für Unterhaltung. „Als Yoshio Koide nach dem Olympiasieg in Sydney ein TV-Interview geben sollte, hatte er zwischenzeitlich so viel Sake getrunken, dass er betrunken vor die Kamera trat. Seitdem hat er in Japan den Spitznamen ,Alkoholiker Koide’“, erzählte der japanische Präsident der internationalen Vereinigung der Marathon- und Straßenläufe (AIMS), Hiroaki Chosa.

Nach der Weltbestzeit in Berlin wurde Koide am Sonntag natürlich laufend der japanische Schnaps angeboten. „Koide trank wieder viel. Aber als er heute morgen im Bett aufwachte, hatte er seine Schuhe noch an“, berichtete Hiroaki Chosa, der Naoko Takahashi am Tag nach dem Triumph in Berlin als Läuferin des Jahres 2000 auszeichnete.
Angesichts der Begeisterung um Naoko Takahashi, die von hunderttausenden Zuschauern am Straßenrand nach vorne getrieben wurde und an unzähligen japanischen Fahnen vorbeilief, geriet das Männerrennen etwas in den Hintergrund. Wie schon im Jahr zuvor gab es wiederum eine Überraschung durch einen Tempomacher: Der Kenianer Joseph Ngolepus folgte dem Beispiel seines Landsmannes und Freundes Simon Biwott. Der 26-Jährige sollte eigentlich die Spitze bis zum Kilometer 25 führen, doch anstatt auszusteigen, lief er weiter und gewann in 2:08:47 Stunden. „Ich merkte, dass die anderen nicht ganz so gut in Form waren“, erklärte Joseph Ngolepus, der mit seinem Erfolg auch Tegla Loroupe in gewisser Hinsicht etwas trösten konnte. Denn der Kenianer gehört zur Trainingsgruppe von Tegla Loroupe und lebt mit ihr und anderen Läufern zeitweise in Detmold bei Manager Volker Wagner.

UNITED WE RUN

Der BERLIN-MARATHON hatte in diesem Jahr auch eine politische Dimension. Erfolgreich setzte die Veranstaltung ein Zeichen des Mitgefühls, der Völkerverständigung und des Friedens. Im Gedenken an die Todesopfer der Terrorattacken in New York und Washington vom 11. September 2001 hatten die Teilnehmer vor dem Start ein Transparent mit der Aufschrift „United we Run“ mit den Logos der Läufe von New York city und Berlin über ihre Köpfe hinweggezogen . Zuvor hatte der Cheforganisator des New-York-Marathons, Allan Steinfeld, den Startschuss gemeinsam mit dem Regierenden Bürgermeister Berlins, Klaus Wowereit, gegeben. Viele Läufer hatten ein schwarzes Trauerband am Arm oder an der Startnummer - und es wurde in Berlin von den Teilnehmern für die ÜberlebendeN der Feuerwehrleute und Polizisten Geld gesammelt

Das Transparent wurde nach New York City geschickt, um bei diesem Lauf auchdas Mitgefühl Berlins und der Läuferwelt Ausdruck zu verleihen. In einer Zeremonie vor der UNO - vor dem Start des New Yorker Frühstückslaufes übergab Horst Milde dem höchsten Beamten der Feurwehr einen Scheck des gesammelten Geldes in Berlin. Das grosse (40 x 60 m) Banner UNITED WE RUN wurde am Start in News York an der Verrazzano Narrows Bridge auf einer freien Fläche von Race Directoren aus aller Welt gehalten und dann ausgelegt. Im weltweiten Fernsehprogramm war diese Zeremonie dann auffällig zu erkennen.

Im Ziel in Berlin wartete auch Prominenz auf die Sieger: Innenminister Otto Schily hielt gemeinsam mit dem AIMS-Präsidenten Hiroaki Chosa das Zielband.

Schock mit Aprilscherz

Im Vorfeld des 29. BERLIN-MARATHON gab es einen kleinen Schock für einige dänische Marathonläufer. Die Dänen spielen seit vielen Jahren eine große Rolle. Fast 2000 von ihnen starteten zum Beispiel 2001. Aus keiner anderen Nation kommen so viele Läufer zum größten deutschen Marathon. Und deswegen werden die Berliner Aktivitäten im Nachbarland sehr aufmerksam verfolgt. Plötzlich mussten die Dänen in ihren Zeitungen lesen, dass die Veranstalter des BERLIN-MARATHON aus Kapazitätsengpässen ihre Strecke verändert hatten.

Der neue Kurs führte demnach im ersten Drittel des Rennens über die Stadtautobahn. Sechs menschenleere Fahrstreifen. 13 trostlose Kilometer lang. Und nichts mehr mit dem Stimmungshöhepunkt Wilder Eber! Den nächsten Schock bekam ein dänischer Reiseveranstalter, der wohl um seine Kundschaft fürchtete. Er fragte allerdings nach in Berlin – und löste Heiterkeit aus. Die dänischen Redakteure hatten bei der Nachricht auf der Web-Page des BERLIN-MARATHON nämlich eine entscheidende Zeile gleich unter der Überschrift übersehen. Und da stand folgendes: ,Achtung: bei dieser Meldung handelt es sich um unseren Aprilscherz!’

Nicht nur sportlich verzeichnete der BERLIN-MARATHON in den letzten Jahren einen enormen Aufschwung, sondern auch im Internet: http://www.berlin-marathon.com ist zu einer gefragten Adresse rund um den Laufsport geworden. In den vergangenen drei Jahren klickten mehrere Millionen Besucher der Web-Page eine zweistellige Millionenzahl von Seiten an.
Der 29. BERLIN-MARATHON wurde seinem Ruf als eines der spektakulärsten und zugleich schnellsten Rennen weltweit über die klassischen 42,195 Kilometer einmal mehr gerecht. Ein Jahr nachdem Naoko Takahashi in Berlin als erste Frau unter 2:20 Stunden gelaufen war, siegte sie erneut mit einer Weltklassezeit.

Die 30-jährige Japanerin, die zwischendurch bei keinem anderen Marathon an den Start gegangen war, lief 2:21:48 Stunden. Vergleichsweise noch hochkarätiger und zudem spannender war dieses Mal das Rennen der Männer, das der Kenianer Raymond Kipkoech in 2:06:47 Stunden gewann. Dies war die zehntbeste je gelaufene Zeit. Zum ersten Mal blieben in Berlin zudem gleich drei Läufer unter 2:07 Stunden. Beim kenianischen Durchmarsch erzielten auch Kipkoechs Landsleute Simon Biwott (2:06:49 Stunden) und Vincent Kipsos (2:06:53) Zeiten unter der prestigeträchtigen Marke.

Lediglich einmal – beim London-Marathon im April 2002 – war zuvor in der Marathongeschichte noch ein Läufer mehr unter 2:07 Stunden geblieben. Über eine Million Zuschauer, so schätzte sogar die eigentlich mit derar- tigen Zahlen sehr zurückhaltende Berliner Polizei, sorgten für Volksfeststimmung auf den 42,195 km. Sie feuerten die Rekordzahl von Teilnehmern aus 90 Nationen an. Insgesamt 41.376 hatten sich gemeldet. Diese Zahl teilte sich auf in 32.752 Läufer, 8369 Skater, 121 Rollstuhlfahrer und 134 Walker. Außerdem beteiligten sich 7223 Schüler am MINI-MARATHON über rund 4,2 km.
Acht der ersten zehn Plätze für Kenia

Nie zuvor in der Geschichte des BERLIN-MARATHON lagen die ersten drei Männer am Ende so dicht zusammen. Lediglich fünf Sekunden trennten den Sieger Raymond Kipkoech vom drittplatzierten Vincent Kipsos. Und da die ersten drei alle aus Kenia kamen, gab es sogar noch einen Streckenrekord. Kenias Männer-Trio benötigte als Mannschaft 6:20:28 Stunden. Nur zwei Sekunden fehlten zum inoffiziellen Team-Weltrekord, den ebenfalls Kenia hält. Zum ersten Mal in der Geschichte des BERLIN-MARATHON kamen die ersten fünf Athleten aus dem afrikanischen Laufland Nummer eins. Die Kenianer belegten zudem acht der ersten zehn Plätze – auch das war beim BERLIN-MARATHON ein Novum.

Obwohl hinter der Form von Naoko Takahashi ein Fragezeichen stand, präsentierte sich die Japanerin in Berlin einmal mehr souverän. Bis Kilometer 25 lief sie im Windschatten der später zweitplatzierten Mexikanerin Adriana Fernandez (2:24:11). Dann zog „Die Tochter des Windes“, wie Takahashi in Japan genannt wird, davon und kam zum sechsten Sieg in ihrem siebenten Marathon. Nur bei ihrem ersten Versuch über die 42,195 km 1997 in Osaka hat sie nicht gewonnen.

Deutsche Meisterschaft

Zum dritten Mal fand im Rahmen des BERLIN-MARATHON auch die Deutsche Meisterschaft statt, die Martin Beckmann (LG Leinfelden) gewann. In der Gesamtwertung belegte er mit 2:16:07 Stunden Rang 23. Bei den Frauen triumphierte die Berlinerin Kathrin Weßel vom Veranstalterklub SCC Berlin in 2:36:36. Damit wurde die 35-Jährige, die trotz eines Ischiasproblems lief, um den Titel für den Verein zu gewinnen, im Gesamtklassement Achte.

Tragisch war der fünfte Todesfall in der Geschichte des Laufes. Ein Läufer brach an der Fasanenstraße, weniger als einen Kilometer vor dem Ziel, zusammen und konnte nicht mehr wiederbelebt werden. Dies gelang den Rettungsteams aber bei einem Schweizer, der ebenfalls zusammengebrochen war.

Ab 2003 Start und Ziel - Brandenburger Tor

Einige Monate später sorgten die Veranstalter mit einer Streckenveränderung auch international für Aufsehen. Dieses Mal war es kein Aprilscherz. Das Ziel wird ab 2003 am Brandenburger Tor sein. Diese Neuigkeit löste einen wahren Ansturm auf die Startnummern des 30. real,- BERLIN-MARATHON aus. Ein großer Gewinner dieses Booms ist die Stadt Berlin. Denn am Marathonwochenende kamen schon 2002 über 100.000 Touristen in die Stadt. Unabhängige Studien zeigen, dass sie Berlin einen Kaufkraftschub von über 65 Millionen Euro geben, so dass alleine der Mehrwertsteuerzuwachs etwa acht Millionen Euro beträgt.

Internationale Sportfunktionäre gratulierten zur neuen Streckenänderung. Der Präsident des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF, Lamine Diack, sagte: „Im Namen des internationalen Leichtathletik-Verbandes IAAF spreche ich den Organisatoren des BERLIN-MARATHON meine Anerkennung für ihre Entscheidung aus, das Ziel in diesem Jahr an das Brandenburger Tor zu verlegen. Für mich, und für viele Menschen in der ganzen Welt, symbolisiert dieses architektonische Juwel nicht nur Berlin sondern das neue Deutschland mit all seinen Aussichten. Ich glaube, dass der BERLIN-MARATHON, der sich seinen Platz als einer der besten Marathonläufe der Welt verdient hat, nun mit diesem fotographischen Hintergrund noch mehr Publicity gewinnen wird. Die weitere neue Nachricht – dass sich Berlin um die Ausrichtung der Leichtathletik-Weltmeisterschaften 2009 bewerben wird – zeigt mir, dass sich Berlin als die deutsche Leichtathletik-Stadt präsentieren möchte. Ich erkenne das an. Und ich wünsche allen Teilnehmern und den Organisatoren des Laufes viel Glück.“

Mit dem neuen Ziel am Brandenburger Tor beginnt pünktlich zum Jubiläum, dem 30. BERLIN-MARATHON 2003 , ein neues Kapitel in der Geschichte eines der spektakulärsten und hochklassigsten Straßenrennen weltweit.
Quelle: Jubiläumsschrift zum 30. BERLIN-MARATHON - Jörg Wenig und Horst Milde

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Re: 35 Jahre BERLIN-MARATHON - Eine Bewegung aus dem Grunewald

Beitragvon Hübi » 22.09.2008, 20:23

35 Jahre BERLIN-MARATHON - Eine Bewegung aus dem Grunewald in die City - Vom BERLINER VOLKSMARATHON zur World Marathon Majors - Geschichten und Anekdoten - Jörg Wenig und Horst Milde berichten - Folge V - Jutta von Haase und Günter Hallas die Champions von 1974

"Da muß ich aber tief und lange wühlen, bis ich da noch was finde" war die Antwort am Telefon von Günter Hallas. Es ging um ein Treffen des Siegers vom 1. Berliner Volksmarathon - so hieß dieser Lauf damals offiziell - vom 13. Oktober 1974 mit dem Veranstalter.

Jutta von Haase 1974 (lks.) - nach der ersten Runde - Bernd Hübner (r.) ©Sportmuseum Berlin - AIMS Marathon-Museum of Running
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Erste Siegerin beim 1. BERLINER VOLKSMARATHON Laufende Frauen beim Marathon das war im Jahr 1974 noch relativ ungewöhnlich. Von 244 Teilnehmern im Ziel des 1. BERLINER VOLKSMARATHON waren nur 9 Frauen. Jutta von Haase belegte mit 3:22:01 den 44. Rang im Gesamtergebnis des VOLKSMARATHON. Als erste Siegerin des BERLIN-MARATHON 1974 war sie allerdings schon vorher eine gestandene und erfolgreiche Mittelstrecklerin bei Z 88 (LG Süd).

In der Deutschlandhalle wurde sie 1970 Deutsche Hallenmeisterin über 1.500 m in 4:23,7, war mehrfache Deutsche Vizemeisterin über 800 m. Die BL sind über 800m 2:06,2 (1968) und über 1.500m 4:22,8 (1970), Marathon 2:53:43! (1983). Sie gewann 1976 auch den 3. BERLIN-MARATHON in 3:05:19. Sie ist Vorsitzende Richterin am Verwaltungsgericht Berlin, z. Zt. beurlaubt im Rahmen von Altersteilzeit. Wir wünschen ihr gesundheitlich alles Gute.

Jahrelang wurde in den Siegerinnenlisten des BERLIN-MARATHON als 3-fache Siegerin geführt. Im Zuge des 30-jährigen Jubiläums fiel es auf, daß es “nur“ 2 Siege waren. Es führen damit weiter Uta Pippig (1990/Stuttgart und 1992 und 1995/SCC) und Renata Kokowska (POL) 1988, 1991 und 1993 die Siegerinnenliste mit jeweils 3 Siegen vor Jutta von Haase und Ursula Blaschke (SCC) mit jeweils 2 Siegen an.

Als Läuferin wurde ich wahrlich nicht geboren, jedenfalls nicht als eine, die in ferner Zukunft einmal lange Strecken würde bewältigen können. Wenn, dann eher als Sprinterin, war ich auf kurzen Strecken doch während meiner Schulzeit (aber nur bei Schulsportfesten) äußerst erfolgreich. Auch mein Weg zu den längeren Strecken führte zunächst über den Schulsport, nachdem ich in einem gemeinsamen 1000-m-Lauf mit den “Jungen“, diesen zunächst in respektvollem Abstand folgend, bis auf einen alle überholt hatte. Dies war meine “Geburt“ als Mittelstrecklerin. Das – gemessen an heutigen Verhältnissen – äußerst zaghafte Trainieren längerer Strecken brachte es immerhin mit sich, dass ich meine Spezialität, das Passlaufen, verlernte und mit Freude zahllose Runden auf der Aschenbahn drehte, vor allem aber den Grunewald als wunderbares Laufrevier entdeckte.

Als der Erste BERLINER VOLKSMARATHON am 13. Oktober 1974 stattfand, hatte ich nicht nur erfolgreiche Zeiten als Mittelstrecklerin hinter mir, sondern meine leichtathletische Laufbahn eigentlich beendet. Allerdings lief ich weiterhin, mit Freude um die Grunewald-Seen oder eben gerade dort, wo sich die Gelegenheit dafür bot. Im Wissen um meine sehr gute Ausdauer reizte es mich dann sehr, mich auf das Marathon-Abenteuer einzulassen, was auch deshalb als ungewöhnlich erschien, weil es für uns vom “schwachen Geschlecht“ damals keine Wettkämpfe über längere Strecken als 1 500 m gab.

Als ich mich zu einem der Vorbereitungs-Trainings-Läufe am Mommsenstadion einfand, war das Erstaunen bei den Veranstaltern wohl auch deshalb riesengroß. Ich erinnere mich an die fassungslose Frage des Laufenthusiasten Fritz “Bubi“ Orlowski (damals Trainer im SCC), ob es mein Ernst sei mitzulaufen. Das klang etwa so: “Jutta, Du???? Willst Du wirklich bei uns mitlaufen?“ Ich meinte, ich wolle es versuchen – geplant war ein Lauf von etwa 20 km. Als ich mich dann bis zum Ende dieses Laufs stets vorne aufhielt, hatte ich den Skeptiker überzeugt und genoss in der Folgezeit stets sein überaus freundliches Interesse an meinen Langlaufversuchen.

Der Marathon am 13. Oktober 1974 fand bei gewiss idealen Witterungsbedingungen statt – nicht zu warm und auch nicht zu kalt. Immerhin lief ich mit langen Hosen und einem langärmligen Sportpulli. Anders als bereits seit vielen Jahren, wo Tausende die Strecke säumen, fand der Lauf sozusagen an der Peripherie statt; Start und Ziel waren am Mommsenstadion, die nach meiner Erinnerung bis ca. zum Strandbad Wannsee führende Strecke war zweimal hin und zurück zu laufen. Die Zuschauer waren an wenigen Händen zu zählen, einzig im Start-/Zielbereich waren es mehrere Personen, die die Läuferinnen und Läufer aufmunterten und Mut für die zweite Hälfte zusprachen.

Ebenso unerfahren wie wohl die meisten Teilnehmer, ob und wie die lange Strecke zu bewältigen sei, ließ ich den Lauf “gemütlich“ beginnen. Erst nach der Hälfte meinte ich, mich von meinem freundlichen Mitläufer verabschieden zu sollen, der nun etwas langsamer laufen wollte, während ich eher das Gegenteil beabsichtigte. Dass dies gelang, zeigt die Endzeit von 3:22:01.

Ich war ganz gewiss sehr stolz über das Erreichte, war ich doch zuvor allenfalls – und das auch nur wenige Male – ca. 20 km gelaufen. Zur Belohnung gab es eine Siegerurkunde und ein vom Bezirksamt Charlottenburg gestiftetes Bronzebild – ein Foto zeigt meine Zufriedenheit. Dieses wie auch die Urkunde habe ich mir nun wieder angeschaut und freue mich daran. Das Foto zeigt auch meine – gemessen an heutigen Verhältnissen – total falsche Bekleidung (viel zu dick und schwer). Nu ja, es hat trotzdem Spaß gemacht und mich zur Wiederholungstäterin gemacht (auch mit wesentlich schnelleren Zeiten bei wiederum verhältnismäßig wenig Training).

Dass der Lauf mich nicht “ausreichend“ angestrengt hatte, zeigt mein weiterer Tagesablauf: Dem beeindruckenden Besuch der Industrieausstellung in den Messehallen (gibt es schon lange nicht mehr) am Nachmittag folgte am Abend ein Konzertbesuch in der Philharmonie. Von Müdigkeit bei dem sehr schönen Konzert immer noch keine Spur. Jedoch hatte ich mir insgesamt einen derart starken Muskelkater eingefangen, dass ich die Stufen vom Konzertsaal in das Foyer am Ende nur rückwärts hinunter gehen konnte. Heute wundert mich das nicht mehr. Bei den späteren Läufen ist mir das allerdings auch nicht wieder passiert.

Nachdem ich beim Ersten BERLINER VOLKSMARATHON, wie er offiziell genannt wurde, Blut geleckt hatte, nahm ich noch an etlichen Langstreckenwettkämpfen, darunter weiteren Marathonläufen, mit Erfolg teil. Davon ließe sich vieles erzählen. An den “Ersten“ denke ich mit der größten Freude zurück. Sportlich herausragender war aber mein Sieg in der Altersklasse W 40 mit 44 Jahren beim 10. BERLIN-MARATHON 1983 mit 2.53 Std..

Seit 1986 tummele ich mich nur noch als Zuschauerin an der Strecke, um teilnehmende Freundinnen und Freunde, überhaupt die Teilnehmer anzufeuern. Meine ganz zaghafte Überlegung, ob ich mal die Zeit zu einem ganz langsamen “Comeback“ nutzen sollte, habe ich fallen gelassen.

PS: Jutta von Haase gewann übrigens auch den 3. BERLIN-MARATHON 1976 in 3:05:19. Das hat sie in der Eile ganz vergessen zu erwähnen!
Det kann doch nicht der Sieger sein ! ... Wie Günter Hallas der Champion des 1. BERLIN-MARATHON wurde.

"Da muß ich aber tief und lange wühlen, bis ich da noch was finde" war die Antwort am Telefon von Günter Hallas. Es ging um ein Treffen des Siegers vom 1. Berliner Volksmarathon - so hieß dieser Lauf damals offiziell - vom 13. Oktober 1974 mit dem Veranstalter. Tatsächlich erschien dann Günter Hallas zum Treffen mit einem dicken Kuvert und vielen Erinnerungsstücken an seinen ersten Sieg, Zeitungsausschnitten, Bildern und in einer Plastiktüte die alten abgelatschten Puma-Schuhe von damals.

"Hat alles meine Frau gefunden" so sein kurzer Kommentar. Zu seiner eigenen Überraschung war die Sieger-Urkunde mit der Unterschrift des Veranstalters dabei - "die sehe ich jetzt nach 29 Jahren auch wieder zum ersten Mal". Auch ein Bild "nicht ganz scharf" war dabei. Es zeigt Günter Hallas auf der Straße vor dem Mommsenstadion, links winkt ihm Dieter Weiß zu, dahinter ein Läufer vom BSV 92.

"Das muß nach der ersten Runde sein, da lache ich noch" erinnert sich Günter Hallas, denn zum Schluß, da war nichts mehr mit Lachen. Günter Hallas (18.01.1942), geborener Spandauer, war Postzusteller und beim TSV Siemensstadt zu Hause, lief aber offiziell für die LG Nord. Zum Laufen kam er über Umwege, er wollte als Sechzehnjähriger das Sportabzeichen machen, scheiterte aber am 100 m Lauf. Erst als 18-Jähriger schaffte er dann das Sportabzeichen, weil er auf die 400 m ausweichen konnte. Herbert Pulver, das damalige Leichtathletik-Original vom TSV brachte ihn auf diesen Weg.

Er trainierte dann bei Helmut Klafki am Dienstag und Freitag - Sonntags lief er bei Volksläufen mit. "Ali" wie ihn auch seine Freunde wegen seines etwas dunkelhäutigen Aussehens nannten, lief als Vorbereitung auf den 1. Berliner Volksmarathon des SCC einmal vor dem Marathon 20 - 25 km, das war es dann. "Den Rest bis 42 km kannste auch noch so schaffen" war die optimistische Prognose für die Lauf-Premiere.

Er kam auf 50 Kilometer, max. 60 Kilometer die Woche (3-4 x die Woche "etwa 10 - 15 km Trainingseinheiten"). "Det haben mir die SCCer nie gegloobt" sagt er. Eingeladen hat er sie, immer mit ihm zu trainieren, aber gekommen ist keiner. Einmal ist er die Woche mal insgesamt 101 km gelaufen - "aber nur einmal und nie wieder".

Auf dem Startbild des 1. Berliner Volksmarathon in der Waldschulallee 80 ist Günter Hallas (Startnummer 37) nicht zu erkennen, das sollte sich schnell ändern, denn er lief bald an die Spitze. Ab Kilometer 10 lag er vorne, an der Verpflegungsständen lief er meistens vorbei "bloß keine Zeit verlieren, man muß ja weiterrennen" so sein Kommentar. Eine Salztablette habe er genommen mit einem Glas Wasser (gehörte 1974 zur offiziellen Verpflegung) - und warme Brühe im Ziel!.

Zum Lachen war ihm auf der zweiten Runde überhaupt nicht mehr. In der Nähe des Auerbachtunnels (bei 39 km/40km) an der AVUS ging es ihm so schlecht, daß er sich an den Zaun hing und aufhören wollte. Ein einsamer Zuschauer ermunterte und überredete ihn dann noch, sein Vorsprung gegenüber dem Zweiten war so groß: "Das schaffste noch !"

Günter Hallas schaffte es tatsächlich noch, aber der Ausruf eines Zuschauers hat er heute noch im Ohr: "Det kann noch nicht der Sieger sein!" - so langsam und abgekämpft kam er nach 2:44:53 ins Ziel am Mommsenstadion vor Rudolf Breuer (SV Helios) 2: 46:43 3. Günter Olbrich (Polizei SV) 2:48:08 4. Dieter Daubermann 2:48:40 5. Dieter Sickert 2:49:01 6. Clifford Lewitz (USA) 2:49:42

Günter Hallas wurde beim 2. BERLIN-MARATHON im Jahr darauf nur Zehnter in 2:52:00 - "da war ich übertrainiert", erinnert er sich. Seine Startnummer ist die "425" als Mitglied des BERLIN-MARATHON-Jubilee-Clubs. Er liegt mit 32 Teilnahmen zusammen mit Wilfried Köhnke an zweiter Stelle der Rangliste des Jubilee-Clubs hinter Bernd Hübner (34 x). Einmal fehlte er beim BERLIN-MARATHON wegen Krankheit und einmal startete er zeitgleich beim Schwarzwald-Marathon.

Die Zahl von 35 Teilnahmen will er noch schaffen, "aber es fällt immer schwerer - 2002 bin ich noch 3:18:00 gelaufen - in diesem Jahr müßte 3:20:00 drin sein"! Er wiegt jetzt 61 kg, "damals 57/58 kg" - bei den Wettkämpfen habe er immer verhungert ausgesehen, deswegen wurde ihm empfohlen Eisbein zu essen und zwar insbesondere das Fett. Was er wohl auch dann gemacht hat - aber diese Hinweise sollten heute die Leser/Läufer nicht unbedingt als Trainings- oder Wettkampfempfehlung für heute ansehen.

Seine Bestzeiten sind über 10.000 m 33:00:00 (1976), Halbmarathon: 1:13:00 und 25 km 1:27:00, Marathon 2:35:00, seine beste Zeit beim BERLIN-MARATHON war 2:38:28. An 81 Marathonläufen beteiligte er sich, so u.a. in New York, Vancouver, Hawaii, Lissabon Hamburg und ... Spandau. So außergewöhnlich ist sein Sieg 1974 beim BERLIN-MARATHON nun auch wieder nicht, er wurde auch Sieger beim Wolfsburg-Marathon und in Malmö (2:35:00).

Der ruhig und zurückhaltende "Ali" hat den Schalk schon im Nacken, wenn er von der Familie erzählt, die an der Strecke mit Frau, Kindern und Enkelin an die Strecke postiert sind und "den Opa" anfeuern, wobei die Ehefrau "mit Laufen überhaupt nichts am Hute hat", ihn aber zum Laufen schickt. "Renn mal, geh bloß mal ne Runde laufen, dann siehste wieder besser aus" sagt sie zu ihm, wenn ihm zu Hause die Decke auf den Kopf fällt.

Günter Hallas, der Champion von 1974, ist ein knorriger und gestandener Läufer von altem Schrot und Korn mit seinem ureigenem Humor und blitzenden Augen. Er kann Vorbild für die heutige Läufergeneration sein, wie man mit Laufen Beruf, Leben und Familie meistern kann - und dabei das Laufen auch nicht als todernste Angelegenheit ansieht. Zeittabellen, Ernährungs- und Diäthinweise, Trainingslager, integrierte Laufschuhmodelle, Laufstrategien und wissenschaftliche Vorbereitungen auf den Lauftag X - das gehörte nicht in die Laufwelt von 1974 ff.

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Re: 35 Jahre BERLIN-MARATHON - Eine Bewegung aus dem Grunewald

Beitragvon Hübi » 26.09.2008, 17:50

35 Jahre BERLIN-MARATHON. Ein Stück Marathon-Geschichte - Persönlichkeiten die den Marathon zum Erfolg führten - Dr. Willi Heepe, Pfarrer Klaus Feierabend und Rollstuhlfahrer Heinz Frei

Die ärztliche Oberleitung des BERLIN-MARATHON und der vielen anderen Berliner Läufe lag von Anfang an in der Hand von Dr. med. Willi Heepe (bis 1984), der sich ehrenamtlich für die gute Sache zur Verfügung stellte

Dr. Willi Heepe - als Medical Director auf "Streife" während des BERLIN-MARATHON ©Victah Sailer
Alle Bilder:

35 Jahre BERLIN-MARATHON - eine Erfolgsgeschichte aus heutiger Sicht - aber es war ein langer - und manchmal auch schwieriger - Weg. Gesprägt wurde diese positve Entwicklung von Personen und Menschen, vor und hinter den Kulissen die durch ihr Engagement die Sache vorantrieben, nichts geht von allein. Die Rede ist von Dr. Willi Heepe, dem Medical Director des Marathon, Klaus Feierabend, dem Pfarrer, Marathonläufer und Prediger und Heinz Frei, dem überragendem Rollstuhlsportler. Alle sind heute noch aktiv.

Dr. Willi Heepe, seit 1981/1982 als Arzt dabei

Die BERLIN-MARATHON strebt weiter voran. Eine unverändert ansteigende Flut von Teilnehmern bedingt in allen Segmenten der Organisation neue Herausforderungen. Im medizinischen Betreuungssegment bedeutet dies, dass nicht nur ein linearer Organisations-Mehraufwand erforderlich ist, sondern ein exponentieller. Neue logistische Überlegungen müssen dieser gewaltigen Läuferflut Sicherheit geben.

Die ärztliche Oberleitung des BERLIN-MARATHON und der vielen anderen Berliner Läufe lag von Anfang an in der Hand von Dr. med. Willi Heepe (bis 1984), der sich ehrenamtlich für die gute Sache zur Verfügung stellte, er war und ist bei heute selbst Marathonläufer. Die wissenschaftliche Begleitung und die Betreuung durch die Humboldt-Universität – Fakultät Sportmedizin in den letzten Jahren – wurde durch Dr. med. Lars Brechtel vorgenommen, unterstützt von Jürgen Lock.

Aus diesem Team und den vielen ärztlichen Kollegen, die sich auch ehrenamtlich - wie Heepe selbst - zur Verfügung gestellt haben, und das sich in den letzten Jahren zum Medical-Team gebildet und entwickelt hat, resultiert eine für den BERLIN-MARATHON erfahrene und wissenschaftlich begleitende Truppe, die alles daran setzt, den Standard der letzten Jahre weiter zu optimieren, um jeder Kritik am Versorgungssystem des BERLIN-MARATHON zuvor zu kommen.

Dr. Willi Heepe hat mit seinem Sachverstand und seiner überaus kommunikativen Überredungskunst sein Team überzeugend zusammengestellt und ist für die Medien durch sein Fachwissen und für die Öffentlichkeit seit Jahrzehnten ein wichtiger Ansprechpartner.

Mit den Läuferzahlen hat sich auch der sportmedizinische Rundum-Service enorm entwickelt. 35 Jahre Stadtmarathon schreiben eine faszinierende Geschichte in vielerlei Facetten. Über 30 Jahre Beobachtung und Betreuung des Marathongeschehens aus der Sicht des Mediziners und verantwortlichen Arztes sind ein besonderes Kapitel. Ein Marathonlauf ist prinzipiell nichts gesundheitsförderndes aber für das gesamtpsychophysische Befinden ein unheimlich stabilisierendes Erlebnis.

Das Phänomen Marathon verstehen und lieben kann man nur, wenn man es selbst erlebt hat. Das Beobachten gewissermaßen von außen als Zuschauer und von innen als Teilnehmer lässt in der Reflexion der Jahre den ungeheuren Wandel dieser Szenerie erkennen. Vom ausschließlichen Abenteuer der Waldläufer der 50er und 60er Jahre hinüber zum wissenschaftlich trainierten der Gegenwart ist ein weiter Weg – manches lässt sich schmunzelnd reflektieren.

So dominierten in den Anfangsjahren Läufer, die zum größten Teil mehr oder weniger wacker ihre Laufrunden um Berliner Seen oder durch die Wälder absolvierten – mit Bekleidung nach Gefühl und Wellenschlag gekauft. Sie stellten sich dem Abenteuer Marathon als Herausforderung und Bestätigung ihres Ichs. Man kaufte sich neben ,Turnschuhen’ irgendwann einen Wettkampfschuh, was garantiert falsch war, weil für den Spitzenathleten konzipiert und für den Breitensportler überhaupt nicht geeignet.

Die Idee des Berliner Läuferforums entwickelte sich unter seiner Leitung seit 1982 und die Initiatoren sammelten ehrenhalber auftretende Referenten und vermittelten mühsam Grundlagenwissen. Fragen waren naiv, Wissen trug sich über Jahre zusammen und wurde über eigene Medien publik gemacht. Die eigenen Ängste vor Katastrophen im Laufsport, vor Komplikationen bis hin zu Todesfällen nahm mit zunehmendem Wissen um die Physiologie der Dauerleistung ab. Berechenbar wurde das statistische Risiko einer Komplikation. Die Komplikationswahrscheinlichkeit beim Marathonlauf strebt heute in den Bereich normal „1“, das heißt eine Ereigniswahrscheinlichkeit ist nicht höher als im normalen Leben. Eine gesundheitliche Risikokonstellation für den größten Teil der Läufer ist absolut nicht gegeben.

Mit zunehmender Informationsvermittlung sind die unschönen Bilder, insbesondere im letzten Drittel des Läuferfeldes, verschwunden. Der Anteil der Fun-Läufer ist größer geworden. Durch die Aufklärungsarbeit und die vielen Informationen zum Gesundheitszustand der Läufer in den Medien - die Propagierung des vorherigen Gesundheitschecks seitens der Veranstalter bringt mehr Sicherheit für Läufer und Veranstalter. Das ist mit sein Verdienst - auch die Organisation und Durchführung der beiden Berliner Ausdauer- und Sportmedizin-Kongresse, die beide grosse Erfolge waren, entspringt seinen Initiativen und Fähigkeiten Sponsoren zu gewinnen.

Dr. Willi Heepe ist weiterhin aktiv und bringt in seiner Praxis am Spandauer Damm lahme und fusskranke Läufer wieder zum Laufen.

Pfarrer (i.R.) Klaus Feierabend und seine Predigt in der Kaiser-Wilhelm-Gedächnis-Kirche

„Mein Gott, kann der Mensch das schaffen.“ Pfarrer Klaus Feierabend erinnert sich an seine ersten Schritte und Gedanken als Läufer. Es ging damals um eine Strecke von 10 Kilometern. Heute gehört der Berliner längst zum Jubilee-Club des BERLIN-MARATHON: 22 Mal erreichte der 69-Jährige das Ziel.

Früher spielte der Pfarrer Tennis und hatte solange nichts mit dem Laufen im Sinn, bis einer seiner Kirchenmusiker der Spandauer Nathan-Söderblom-Gemeinde feststellte: „Ich werde zu dick. Laufen soll doch helfen und gesund sein.“ Klaus Feierabend lief mit und erzählt: „Er hatte nach sechs Monaten die Faxen dicke, ich nicht.“ Der Pfarrer entdeckte den Laufsport für sich und damit, wie er sagt, „sehr viel Lebensfreude“. Seit fast zwanzig Jahren läuft er und nach den besagten
10 km folgte 1979 ein 25-km-Lauf an der Berliner Stadtautobahn Avus. Als der BERLIN-MARATHON noch am Rande des Grunewaldes ausgetragen wurde und an einen Citylauf noch nicht zu denken war, da war er schon 1980 unter den 363 Startern.

Fünf Jahre später gab es erstmals im Rahmen des BERLIN-MARATHON das Ökumenische Abendgebet am Tag vor dem Rennen in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche. Ein weiteres Jahr später hielt Pfarrer Klaus Feierabend die Predigt. Seitdem teilt er sich in der Regel den Gottesdienst mit seinem Kollegen von der Gedächtnis-Kirche, Knut Soppa. Schon längst zählt die Andacht zum festen Rahmenprogramm des BERLIN-MARATHON.

Die Predigt von Pfarrer Feierabend ist - bis heute - stets ,läufernah’. „Es geht um das Läuferleben und den Lebenslauf“, erzählt der Pfarrer, der einmal vom Laufen als einem „Fest des Lebens“ sprach. „Der Gottesdienst ist für die Läufer wie eine Art beruhigende Vorbereitung, vielleicht auch eine Angstbeseitigung vor dem nächsten Tag“, erzählt Klaus Feierabend, der sich als Läufer früher mit Kritik aus der Kirche auseinandersetzen musste. Ein marathonlaufender Pfarrer, noch dazu am Sonntag, das erweckte Proteste. „Es sind gar nicht einmal die Pfarrer, die selber im Beruf sind, mit ihnen hatte ich nie Probleme. Es sind die älteren, die, wenn sie erst einmal pensioniert sind, die Kirche erst richtig leiten wollen.“

Über das Hobby von Pfarrer Feierabend gab es Beschwerden im Kirchenkreis und auch im kirchlichen Rundbrief. „Ich hätte meine Gemeinde im Stich gelassen, noch dazu am heiligen Sonntag“, erinnert er sich an die Vorwürfe und schildert, wie er antwortete: „Meine Gemeinde hatte es gelernt, ihre Gottesdienste alleine abzuhalten; das tat sie auch wenn ich im Urlaub war. Außerdem: Schaut Euch doch an mit Eurem Übergewicht. Bewegung tut gut.“

Doch Jahre später konnte Klaus Feierabend feststellen: „Ich bekomme nur noch Wohlwollen über mich und mein verrücktes Hobby zu spüren.“ Außerdem war er nicht der einzige laufende Pfarrer. „Ich habe gemerkt, dass so man- cher vor sich hintrabt, ohne es an die große Glocke zu hängen.“ Über viele Jahre hinweg hatte die Nathan-Söderblom-Gemeinde von Pfarrer Feierabend sogar ihren eigenen Lauftreff.

Neben der Lebensfreude gibt der Laufsport Klaus Feierabend auch die Möglichkeit zur Denkarbeit. „Wobei es allerdings nicht darum gehen kann, beim Laufen Probleme zu bewältigen. Das wäre dann wohl ein krankhaftes Verhältnis. Aber Laufen mit den Gedanken, das ist hilfreich“, erzählt der Pfarrer, der zwischen zwei und fünf Mal in der Woche läuft. Im Gegensatz zur Freude am Laufen, wie er sie normalerweise verspürt, ist ein Marathonlauf für den Pfarrer „harte Arbeit“. „Ich bewundere diejenigen, die neben mir hüpfen und allerlei andere Dinge machen, aber ich brauche für einen solchen Lauf alle meine Kräfte.“

Verletzungsbedingt musste Pfarrer Feierabend den BERLIN-MARATHON zweimal, 2000 und 2002, auslassen und auch die folgenden. Er lief kürzere Strecken um wieder Anschluß zu finden. Nach dem Tod seiner Frau file es ihm besonders schwer sich zu motivieren.

Klaus Feierabend wir auch am Sonnabend wieder die Predigt - neben dem bewährtem Team um "Hauspfarrer Soppa - halten und den Läufern den richtigen Weg zum Ziel weisen. Auch Klaus Feierabend gehört zu den Menschen, die den guten Ruf des BERLIN MARATHON ausmachen. Ihm sei Dank gesagt für seine Hilfe.

In diesem Jahr möchte er aber nicht nur predigen, sondern auch wieder laufen. Es wäre insgesamt sein 28. Marathonlauf und der 23. in Berlin. „Meine Frau, meine Töchter und sogar meine Enkelkinder sagen: lass’ den Quatsch. Aber wenn ich es jetzt mit 69 nicht schaffe – wer weiß, wie es dann mit 70 wird.“

Berlin setzt Zeichen in der Entwicklung des Rollstuhl-Marathons: Vom Therapie- zum Hochleistungssport - Heinz Frei ist die Ikone des Rollstuhlsports in Berlin (Dr. Reiner Piltz)

Als sich der BERLIN-MARATHON vom Lauf durch den Grunewald zum Stadtmarathon auf radtauglichem Straßenbelag entwickelte, fanden sich im Starterfeld die ersten Rollstuhlfahrer. Ungläubig noch bestaunt ob ihrer hand- getriebenen Fahruntersätze, noch mehr bestaunt wegen der erzielten Geschwindigkeiten. Denn bereits 1981 war der erste Teilnehmer im Ziel ein Rollstuhlfahrer, Georg Freund, aus Österreich.

Es war die Pionierzeit der rollenden Marathon-Athleten. Erst sieben Jahre zuvor, 1974, bewältigte der Amerikaner Bob Hall als Erster diese Distanz im herkömmlichen Rollstuhl. Und eben dieser Bob Hall war auch 1981 und 1982 in Berlin dabei. In den nachfolgenden Jahren erlebte das Rollstuhlfahren seinen entscheidenden Aufschwung. Parallel zum Anwachsen der Sportlerzahlen wurde konstruiert und getüftelt, um immer schnellere Sportgeräte zur Verfügung zu haben. Von der normalen Sitzposition über den Langsitz zur jetzigen, nach vorn geneigten Tiefhocke, veränderte sich auch die Fahrtechnik. Ob Lenkung, Reifen, Greifringmaterial, Handschuhe und Leichtbauweise, nichts, was nicht auch technisch noch zu verbessern gewesen wäre. Die Marathonrennen waren gleichzeitig Test, Messen und Ideenkonferenzen für Konstrukteure und Bastler.

Um gegen die größer werdende internationale Konkurrenz bestehen zu können, genügten nun bisherige Trainingsmethoden und -umfänge nicht mehr. Aus dem einstigen Therapiesport für Behinderte ging eine Sportart mit Leistungscharakter hervor, deren Kennzeichen der Rennrollstuhl ist.

So ist gerade auch der BERLIN-MARATHON, ablesbar an der Entwicklung der Weltbestzeiten, eine der bedeutenden Veranstaltungen, die diese weltweite Entwicklung mitgetragen und gefördert hat. Die Offenheit und Selbstverständlichkeit des Veranstalters, behinderte Sportler zu integrieren, und die flache, schnelle Rekordstrecke mit dem einzigartigen Berliner Flair lockten mehr und mehr ,Rollis’ an – es hatte sich herumgesprochen. Die organisatorischen Bedingungen wurden weiter verbessert: zeitabhängige Startaufstellung, elektronische Zeitmessung, mehrspuriger Zieleinlauf, Wertung und Prämierung der Funktionsklassen, Absicherung durch technischen Service und spezielle Transportfahrzeuge von Telebus, Darstellung im Programm- und Ergebnisheft und anderes gehören seit Jahren dazu.

Eine stolze Bilanz, die der BERLIN-MARATHON inzwischen vorweisen kann. Von lediglich acht Fahrern, die 1981 den Marathon beendeten, erlebten wir 1993 eine Rekordbeteiligung mit 201 Frauen und Männern im Rollstuhl beim Finish. 1994 wurde der BERLIN-MARATHON zum Weltmeisterschaftslauf des Internationalen Paralympischen Comiteé, 1995 und 2001 als Deutsche Meisterschaft ausgetragen.
1983 unterbot erstmals auf einer Rundstrecke der Deutsche Gregor Golombek die ,Schallmauer’ von zwei Stunden, allerdings entspricht der Boston-Marathon mit seinem erheblichen Gefälle nicht den Bedingungen für die Anerkennung von Rekorden. Soweit Statistiken darüber geführt werden, wurden Weltbestzeiten in Berlin acht Mal verbessert. Eine ist gegenwärtig noch aktuell: in der Funktionsklasse T1 von Heinrich Köberle (Deutschland).

Herausragende Athleten sind es, die Berliner Marathongeschichte geschrieben haben. Neben den Pionieren Bob Hall (USA) und Georg Freund (Österreich), findet sich bereits im Ergebnisheft 1981 der Sportler und Rennstuhlkonstrukteur Errol Marklein, der beim BERLIN-MARATHON bis 1999 dabei war. Bei den Frauen ist es Lily Anggreny (Deutschland), die seit 1989 dabei ist, 1993 und 1995 gewann. In der Funktionsklasse T1 ist Heinrich Köberle – 1982 das erste Mal am Start – mit zwei Weltbestzeiten (1986 und 1995) 15 Mal im Ergebnisheft zu finden, in der T2 mit 14 Teilnahmen und zwei Rekorden Christoph Etzlstorfer (Österreich). Zwölf Starts und eine Weltbestzeit (1986) erreichte der Schwede Jan-Owe Mattsson.

Doch besonders ein Name steht für den BERLIN-MARATHON im Rollstuhl. Es ist schwer, sich nicht in Superlativen zu vergreifen. Die Statistik spricht für sich: er siegte in Hamburg, Wien, Los Angeles, Zürich, Boston, Montreal, Monza, Osaka, London, Kapstadt, München, Oita, Schenkon, Oensingen (beides Schweiz), Frankfurt, Lausanne, Salzburg und natürlich in Berlin.

Bei 19 Teilnahmen gewann er den BERLIN-MARATHON 1 Mal und fuhr dabei vier Weltbestzeiten. Diese unvergleichliche Bilanz gehört dem Schweizer Ausnahmeathleten und Weltrekordhalter (1:20:14 Stunden) Heinz Frei.

Dr. Reiner Pilz im Heft zum 30-jährigen Jubiläum

http://www.germanroadraces.de/24-0-7128 ... chte-.html
Liebe Grüße, Hübi :lach062: Mobil: 0176 - 56 56 76 56 | Mobil beim Laufen: 0171 - 275 95 05
Hab die Menschen gern, so wie sie sind.
Andere gibt es nämlich nicht...
Phil Bosmans

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